Soziologisches Rucksackwissen Bordeaux

VICTOIRE, ÉMILE (2007)

Sociologie de Bordeaux

Paris, La Découverte, 121 Seiten.[1]
10. August 2007

Eine Kurzkritik zur Stadtsoziologie von Bordeaux.

bilder/victoire_2007.gifNach den soziologischen Streifzügen durch die Stadt Paris ist die Sociologie de Bordeaux der zweite stadtsoziologische Band aus der bei La Découverte erscheinenden Reihe "Repères" mit Einführungswerken zu wichtigen wissenschaftlichen und mehr oder weniger tagesaktuellen Fragestellungen. Gleichzeitig springen sogleich die Unterschiede zur Pariser Stadtsoziologie der beiden Autoren Michel Pinçon und Monique Pinçon-Charlot ins Auge, insofern die im Verhältnis kleine Atlantikmetropole im französischen Südwesten natürlich weder die politische noch die wirtschaftliche Bedeutung der Pariser Kapitale besitzt. Dieses unterschiedliche Gewicht lässt sich allein schon an der Einwohnerzahl ablesen. In den eigentlichen Stadtgrenzen von Bordeaux leben rund 230.000 Einwohner (Paris: 2.150.000). Wenn man das gesamte Einzugsgebiet veranschlagt, liegt die Zahl bei etwa 750.000 Einwohnern (Paris: 9.650.000), so dass die Atlantikmetropole im innerfranzösischen Vergleich nur auf Platz 9 bzw. 7 landet. Auch die (stadt)räumliche Organisation des Ballungsraumes Bordeaux unterscheidet sich grundlegend von der Zentrum-Peripherie-Beziehung, die die Stadt Paris zu ihren diversen Vororten unterhält. Die tägliche Pendlerwelle, die morgens aus der Banlieue ins Zentrum schwappt und abends wieder abebbt, versinnbildlicht die magnetische Kraft der französischen Hauptstadt. Bordeaux dagegen verkörpert ein anderes Modell der städtischen Großraumentwicklung: "Die suburbanen Wohngebiete, die die Agglomeration im Westen und zum Teil auch im Osten umgeben, sind keine eigentlichen Vorstädte. Gemeinhin definiert und organisiert sich eine Vorstadt in Bezug auf eine Stadt als Zentrum, zu der sie sich in gesellschaftlicher, politischer und wirtschaftlicher Hinsicht in einem Abhängigkeitsverhältnis befindet. Demgegenüber ist die suburbane Welt nicht völlig von der im Zentrum gelegenen Stadt abhängig: Die städtische Entwicklung und das gesellschaftliche Miteinander sind hier weitgehend autonom. Mehr noch, die Verteilung von Arbeitsplätzen, Einkommen und Ressourcen lässt eine Umkehrung der Logik erkennen, so dass der Rest des Ballungsraumes in ein Abhängigkeitsverhältnis von den suburbanen Gebieten gerät. Die Eliten und höheren gesellschaftlichen Schichten konzentrieren sich zunehmend in den Randgebieten. Sie entwickeln dort einen spezifischen urbanen Lebensstil, der sich rund um das Einfamilienhaus sowie die zum Teil geschlossenen Siedlungsstrukturen und Einkaufszentren dreht" (Seite 56). Das ist auch der Grund dafür, dass die Autoren[2] ihren Forschungsgegenstand nicht auf Bordeaux intra muros begrenzen, sondern auf den gesamten Ballungsraum ausdehnen. Bestärkt werden sie darin durch die Tatsache, dass 26 Kommunen in dieser Region schon 1968 beschlossen haben, ihre Kräfte zu der so genannten Communauté urbaine de Bordeaux zum Nutzen aller zu bündeln und dass die von INSEE, dem nationalen Statistikamt, ermittelte unité urbaine immerhin 51 Gemeinden umfasst. Angesichts dieser Ausgangslage und der damit zusammenhängenden Blickrichtung des Autorenkollektivs sind die verbreiteten Vorstellungen Bordeaux' als Weltstadt des Weins, als weltweiter Handelsplatz, als Inbegriff des provinziellen Großbürgertums zum Teil zumindest Relikte einer lange zurückliegenden Vergangenheit. Dieses museal gefärbte Bild der Metropole entspricht längst nicht mehr der Wirklichkeit einer Region, die nur am Rande von den Industrialisierungsprozessen des 19. und 20. Jahrhunderts erfasst worden war und die heute alles daran setzt, sich einen Platz an der Sonne der Wissensgesellschaft zu erobern. Gleichzeitig ist der Ballungsraum Bordeaux natürlich auch heute noch eine sehr wohlhabende Region, die allerdings große Kontraste in Bezug auf Einkommensniveau und Lebensverhältnisse aufweist, die auch in der sozialräumlichen Verteilung ihren Niederschlag finden. Die fünf Kapitel dieses knappen Bandes (Geschichte der Stadt Bordeaux, Wirtschaftsstrukturen, Soziale Klassen und Milieus, Besonderheiten der politischen Verwaltung und Stadtpolitik) bieten einen lesenswerten Einblick in die Entwicklung einer städtischen Region, die in der kollektiven Vorstellung - zu Unrecht - zumeist auf ihren musealen Aspekt verengt wird.


© passerelle.de, Juli 2007

Fussnote(n)

[1] Hier geht es zum Klappentext auf passerelle.de.
[2] Hinter dem wunderbar altmodischen Namen Émile Victoire, der in seiner großbürgerlichen Sonorität unwillkürlich an das Bildungsbürgertum der III. französischen Republik denken lässt, verbergen sich: Charles-Henry Cuin, François Dubet, Didier Lapeyronnie, Thierry Oblet, Sandrine Rui, Agnès Villechaise und Joël Zaffran.
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