Einblicke in die sozialwissenschaftliche Diskussion in Frankreich
MOEBIUS, STEPHAN / PETER, LOTHAR (HG.) (2004)
Französische Soziologie der Gegenwart
Konstanz, UVK (bei UTB)
Stephan Moebius und Lothar Peter kommt als Herausgeber des Bandes zur französischen Gegenwartssoziologie das große Verdienst zu, moderne Klassiker der französischen Soziologie (etwa Pierre Bourdieu, Alain Touraine oder Raymond Boudon) und neuere Entwicklungen des soziologischen Denkens, die hierzulande (noch) nicht denselben Stellenwert genießen (z.B. Luc Boltanski oder auch Bernard Lahire), in systematischer Form erschlossen zu haben.[1] Neben einem einführenden Kapitel (S. 9-77), in dem die beiden Autoren versuchen, das Neuartige der vielfältigen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte zusammenfassend als eine "Erosion eines systematischen Gesellschaftsbegriffs" darzustellen,[2] bieten fünf Großkapitel kompetente Porträts klassischer bzw. weniger klassischer Soziologen ("Moderne Klassiker": Michel Crozier / Erhard Friedberg, Raymond Boudon, Alain Touraine - "Einflussreiche Grenzgänger": Georges Balandier, Edgar Morin, - "Soziologie der Individualisierung und der Pluralisierung": Jean-Claude Kaufmann, Bernard Lahire - "Postmoderne Sichtweisen": Jean Baudrillard, Michel Maffesoli, Bruno Latour - "Soziologie der Exklusion, der Rechtfertigung und der sozialen Frage": Dominique Schnapper, Luc Boltanski / Laurent Thévenot, Robert Castel). Allein diese Aufzählung zeigt schon, wie schwierig es ist, einen Überblick über die Vielfalt theoretischer Prämissen, methodischer Ansätze und praktischer Forschungsgebiete zu bewahren. Was haben beispielsweise Pierre Bourdieu und Raymond Boudon anderes gemeinsam, als dass beide über das französische Schulsystem und seine Ungleichheiten geforscht haben und dass der eine (Raymond Boudon) behauptet, den anderen (Pierre Bourdieu) methodisch und wissenschaftlich widerlegt zu haben? Ein in Deutschland weithin unbekannter, an der empirischen Sozialforschung geschulter und streitbarer Autor wie Bernard Lahire[3] würde dem postmodernen Michel Maffesoli wohl gar seine Zugehörigkeit zur Soziologenzunft absprechen.[4] Andererseits ließe sich bemängeln, dass der Zusammenhang zwischen den im letzten Kapitel behandelten Autoren (Schnapper, Boltanski / Thévenot, Castel) nicht unmittelbar einzuleuchten vermag. Man mag Dominique Schnapper dem international anerkannten Armutssoziologen Serge Paugam vorziehen. Worin jedoch der logische Zusammenhang zwischen der Exklusionsproblematik Dominique Schnappers und dem theoretischen Anliegen der pragmatischen Soziologie Luc Boltanskis und Laurent Thévenots besteht, wird nicht recht deutlich. Die historisch angelegte Studie, die Boltanski zusammen mit Ève Chiapello über die Wandlungsprozesse des kapitalistischen Geistes verfasst hat, lässt sich keinesfalls (ausschließlich oder auch nur hauptsächlich) als Kapitalismuskritik verstehen. Vielmehr geht es in diesem voluminösen Werk um eine Dynamisierung des zuvor zusammen mit Laurent Thévenot erarbeiteten, oftmals als statisch kritisierten Rechtfertigungsmodells.[5] Diese Kritikpunkte, die bei einem derart ambitiös und breit angelegten Projekt nicht ausbleiben können, ändern allerdings nichts an der Tatsache, dass die Einführung zu einzelnen Soziologen und ihren Forschungsgebieten einen kompetenten und nützlichen Einblick in wichtige Aspekte der sozialwissenschaftlichen Diskussion in Frankreich bieten und damit auch für Studenten der Sozialwissenschaften einen unerlässlichen Ratgeber in französischer Soziologie darstellt.
© passerelle.de, März 2005