Raymond Boudon im Gespräch
BOUDON, RAYMOND (2003)
Y a-t-il encore une sociologie?
Paris, Odile Jacob
Raymond Boudon nimmt eine Sonderstellung in der französischen Soziologie ein. Als herausragender Vertreter des methodologischen Individualismus genießt er - auch in der deutschen Soziologie (vgl. Moebius/ Peter 2004) - großes internationales Ansehen, selbst wenn hierzulande nach Ideologie. Geschichte und Kritik eines Begriffs (Rowohlt, 1988) keine weitere Buchpublikation, ja nicht einmal seine Artikelsammlung zu den klassischen Soziologen (Adam Smith, Tocqueville, Durkheim, Tarde, Pareto, Simmel, Weber, Scheler, Lazarsfeld) mit dem französischen Titel Études sur les sociologues classiques (2 Bde, PUF 1998-2000) veröffentlicht wurde. Andererseits lässt sich unschwer erkennen, dass er in der französischen Öffentlichkeit im Schatten anderer Soziologen steht, die zumindest stärker die gesellschaftliche Debatte bestimmen. In seinem 2003 erschienen Interviewband antwortet Raymond Boudon nun auf Fragen Robert Leroux' zu seinem Ausbildungsweg, den Grundlagen des methodologischen Individualismus, den großen Soziologen, einem seiner zentralen Forschungsschwerpunkte in Gestalt von Ideologien, Werten und Überzeugungen sowie zu Bildungswesen, Universität und Geistesleben. Insofern ist dieser 250 Seiten umfassende Interviewband eine ideale und leicht zugängliche Einführung in Leben und Werk eines der bedeutendsten Soziologen Frankreichs, darüber hinaus jedoch auch ein Buch, das sich das dialogische Prinzip zu einer Ortsbestimmung der Soziologie zunutze macht. Die Frage des Buchtitels, ob es denn heute überhaupt noch eine Soziologie gebe, lässt sich wohl bejahen, auch wenn die eigentlich wissenschaftlich arbeitende, d.h. einen Erkenntniszugewinn anstrebende Soziologie gegenüber kritischen, expressiven und - wie Boudon sie nennt - kameralistischen Formen soziologischen Arbeitens einen schweren Stand hat. Diese Unterscheidung und viele andere wichtige Erkenntnisse gewinnt der Leser bei der Lektüre der acht Interviews, von denen hier eines in deutscher Übersetzung eingesehen werden kann.
Vgl. ebenfalls die Lektürenotiz zu Boudon 2004
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