ROTMANN, HANS-JAKOB (2006)
Betrachtungen zu sprachlichen Verirrungen auf dem Schlachtfeld der Fußballberichterstattung
19. Juni 2006
Auch Frankreich ist im Fußballfieber. Das aber führt zu sprachlichen Verwerfungen, die nichts Gutes verheißen. Ein Gastbeitrag.
Im allgemeinen Fußballfieber kann man schon einmal die Orientierung verlieren. Besonders zu Kopf gestiegen sind die sommerlichen Temperaturen offenbar dem Journalisten einer angesehenen überregionalen Abendzeitung in Frankreich. Vor dem Polen-Spiel hatte der deutsche Bundestrainer davor gewarnt, die polnische Mannschaft aufgrund ihrer Auftaktniederlage zu unterschätzen, und dazu den angeschlagenen Boxer bemüht, der ja bekanntlich besonders gefährlich ist. Aus der stehenden Wendung der Sportsprache wurde nun flugs eine Hundemetapher und so überraschte den interessierten Leser ein: "Respectueux de l'adversaire, le sélectionneur allemand, Jürgen Klinsmann, avait usé d'une métaphore canine pour décrire la situation polonaise: 'Rien n'est plus dangereux qu'un boxer blessé'" (LM, 16. Juni 2006: 29). Also etwa: "Bundestrainer Jürgen Klinsmann brachte seinen Respekt vor dem Gegner mit einer Hundemetapher zum Ausdruck und beschrieb folgendermaßen die polnische Lage: 'Ein verletzter Hund ist ganz besonders gefährlich.'" Ob der Respekt vor dem Gegner wirklich so groß gewesen sein mag, wenn ihn Klinsmann mit einem schnöden Köter vergleicht, mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls dürfte es um die deutsch-polnischen Beziehungen nicht zum Besten bestellt sein, wenn ein im Kommunikationsmanagement gut geschulter Bundestrainer den polnischen Gegner als bissigen Hund bezeichnet, ohne dass ein Aufschrei durch die Presselandschaft geht. Die Polysemie des deutschen Wortes "Boxer", das anders als im Französischen sowohl einen Sportler (boxeur) als auch eine Hunderasse (boxer) bezeichnet, ist dem Journalisten jedenfalls entgangen. Dabei mag es sich nur um einen lustigen (oder peinlichen) Schnitzer im deutsch-französischen Sprachverkehr handeln. Andererseits ist aber dieser Ausrutscher durchaus bezeichnend für eine sprachliche Situation, bei der sich die beiden Nachbarländer immer weiter auseinander entwickeln. Das Interesse an der deutschen Sprache als Lehrfach im Sekundarbereich nimmt weiter ab. Kaum mehr ein Zehntel aller Schüler lernt Deutsch als erste Fremdsprache. Und auch in der zweiten Fremdsprache scheint die Schlacht längst verloren: Der Löwenanteil geht an die spanische Sprache, während Deutsch bestenfalls noch ein Viertel der Schüler zu interessieren vermag. Aus gegebenem Anlass sei noch hinzugefügt, dass die Kandidaten um einen Platz in einer der französischen Journalistenschulen im Regelfall nur Kenntnisse in Englisch aufweisen müssen und Deutsch oder andere Sprachen zumeist bestenfalls fakultativ sind. Im Klartext bedeutet das aber auch, dass die Meinungsmultiplikatoren tendenziell immer seltener Kenntnisse in der deutschen Sprache und damit auch über die kulturellen Besonderheiten ihres Nachbarn besitzen (von tolerantem Verständnis ganz zu schweigen). Das nachlassende Interesse an der deutschen Sprache entbehrt angesichts der Zwänge einer Globalisierung, die sich eben nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell und sprachlich an dem amerikanischen Vorbild ausrichtet, sicherlich nicht einer gewissen Logik. Daran können wohl auch die Lippenbekenntnisse der europäischen Führungselite zu einer kulturellen Vielfalt nichts ändern. Welche Konsequenz sich daraus ergibt, zeigt allerdings mit Nachdruck obiges Beispiel: Dort, wo die Fremdsprachenkenntnisse bei den Funktionseliten nicht über eine doch recht begrenzte Kommunikationskompetenz hinausgehen, besteht stets die Gefahr, dass kulturelle Neugier und Interesse an Fremdem oder auch Fremdartigem gar nicht erst entwickelt werden können. Sogleich tritt nämlich scheinbar Gewusstes an die Stelle des Erfahrenen und selbst Erlebten, und nationale Stereotypen machen eine vorurteilsfreie Betrachtung unmöglich: So wird ein Faustkämpfer schnell einmal zu einem kläffenden Ungetier. Der Journalist jedenfalls scheint die implizite Herabsetzung der polnischen Mannschaft auf den Stand eines nicht eben sympathisch dreinblickenden Boxers zwar kurz befremdet zu haben (sonst hätte er diese Hundemetapher wohl kaum erwähnt). Dies Befremden ging ganz offensichtlich jedoch nicht soweit, dass er seine eigene Fremdsprachenkompetenz kritisch eingeschätzt und seinen Irrtum durch einen simplen Griff zum Wörterbuch ausgeräumt hätte. Bestätigung für die Richtigkeit seiner sprachlichen Analyse dürfte unser Mann wohl in seinen eigenen Vorurteilsstrukturen gefunden haben: Verglichen mit dem, was uns die Geschichte über die Abgründe des deutschen Volkes lehrt, mochte ihm eine solch hündische Bildhaftigkeit nun schon fast pittoresk anmuten.
© passerelle.de, Juni 2006