KAUFMANN, JEAN-CLAUDE (2005)

Hausfrauenblues - Ein Interview mit Jean-Claude Kaufmann

16. November 2005

Jean-Claude Kaufmann setzt seine Erkundungsreise durch den modernen Alltag fort. Nach seinen Untersuchungen zur schmutzigen Wäsche und der ehelichen Alltagskonstruktion, zum Singledasein und dem Traum vom Märchenprinzen, zu Frauenkörpern und Männerblicken (in deutscher Übersetzung alle bei UVK ), legt der französische Soziologe nun eine weitere Studie vor. Diesmal geht es um Töpfe, Liebe und Partnerstreit, wie der Originaltitel lautet. Ein Interview aus gegebenem Anlass.

 

Über die Schwermut allein stehender Männer wird immer wieder gern gesprochen. Ist es durch die Fernsehserie Desperate Housewives, die hier in Frankreich regelmäßig von 1,2 Millionen Fernsehzuschauern verfolgt wird, nun auch gesellschaftlich akzeptiert, von der Melancholie verheirateter Frauen zu sprechen?

Wenn ein Mann eine feste Beziehung eingeht, hat er einen Fuß drinnen und einen Fuß draußen. Für ihn ändert sich nichts Grundlegendes. Für die Frau schon. Alles auf einmal zu haben, ist für sie leider nicht möglich. Als Singlefrau ist es trotz aller Momente der Niedergeschlagenheit, trotz aller Kinderwünsche und Sehnsucht nach der großen Liebe einfach ein berauschendes Gefühl, ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten zu können - was eine historische Novität darstellt. Wenn sie dann später eine Familie gründet, fällt ihr das nicht eben leicht. Eine gerechte Aufgabenverteilung ist immer noch eine Illusion. Zwischen der Vorstellung der Gleichberechtigung und der Realität klafft eine enorme Kluft.

Die Frauen wollen nicht mehr nur in der Küche stehen. Trotzdem kümmern sie sich zu 90% um das Essen. Wie erleben die Frauen diesen Widerspruch?

In Form einer inneren Zerrissenheit, als eine quälende Doppelung ihres Ichs. Was mich bei meiner Untersuchung zu Singlefrau und Märchenprinz erstaunt hat, war, was für ein Vergnügen es für Singles bedeutet, sich nicht um die Küche kümmern zu müssen und zu jeder Tages- und Nachtzeit schnell einen Happen essen zu können. Wenn eine Beziehung ohne Kinder in die Brüche geht, landen die Töpfe einfach wieder im Schrank. Sie sind schlicht und ergreifend ein Sinnbild einer mentalen Belastung, die man erst einmal aushalten muss.

Ist Essenkochen denn eine so anstrengende Tätigkeit?

Zumindest erfordert es einen intellektuellen und affektiven Einsatz. Einkaufen gehen ist eine ausgesprochen komplexe Angelegenheit, die sich durchaus mit der Leitung eines Betriebes vergleichen lässt: Was ist noch im Lager, wie ist das Marktangebot strukturiert (welche Geschäfte gibt es in der Nähe), bei der Kaufentscheidung spielen mehrere Kriterien eine Rolle, die Lieblingsgerichte aller Beteiligten, eine gesunde Ernährung usw. In Gedanken spielt die Frau das gemeinsame Essen durch, die Reaktion der Kinder, des Partners usw. Das ist vor allem deswegen so anstrengend, weil man mental gefordert wird: Man muss an die ganze Familie denken und die Widersprüche unter einen Hut bekommen. Sind die Aufgaben bei den jüngeren Generationen genauso ungerecht verteilt? In jedem Fall täuscht der erste Eindruck. Am Anfang einer Beziehung herrscht hier eine Logik der Aufgabenteilung. In unseren alltäglichen Gesten ist jedoch eine historische Erinnerung verdinglicht. Die meisten Männer trennen zum Beispiel nicht ihre schmutzige Wäsche: Dreckige Hemden und Socken werden einfach zusammen geschmissen. Also kümmert sich zwangsläufig die Frau darum. Nach und nach entsteht so eine ungleiche Rollenverteilung. Um ja nicht mithelfen zu müssen, tun die Männer so, als hätten sie wirklich zwei linke Hände, und die Frauen beteiligen sich fleißig an dem Aufbau dieses Rollenbildes, in dem sie schließlich gefangen bleiben. Nicht selten fühlen sie sich allein gelassen und unverstanden. Gewöhnlich verbindet man Einsamkeit mit Singledasein. Am intensivsten ist das Gefühl der Einsamkeit und der Isolation jedoch bei den Hausfrauen, die nur selten aus dem Haus kommen.

Und wann werden die Hausfrauen auf die Barrikaden steigen?

Mehr als kleinere Minirevolten werden dabei wohl nicht herauskommen. Die Frauen werden vielleicht beim Sonntagsbraten streiken, um wieder ihr seelisches Gleichgewicht zu finden. Zu einer Revolte im eigentlichen Sinne kommt es erst im Falle einer Trennung. In 88 Prozent aller Fälle geht die Initiative dazu von den Frauen aus, die zumeist nicht mehr den Eindruck haben, als eigenständige Person zu existieren.

Es wird also noch eine Weile dauern bis zu einer wirklichen Gleichberechtigung.

Ja. Das ist aber der Preis für den Erfolg. In nur wenigen Jahrzehnten hat sich die Stellung der Frau gundlegend geändert. Allerdings wäre es ein Fehler zu glauben, es wäre schon alles geregelt. Der eigentliche Haken ist die Organisation innerhalb der Beziehungen, die ja in den Bereich der Privatsphäre fallen, den Gefühlshaushalt der Beteiligten betreffen und damit dem staatlichen Zugriff entzogen sind.

© Mit freundlicher Genehmigung des Autors und 20minutes, Übersetzung www.passerelle.de

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