HANS-JAKOB ROTMANN

Kochen zwischen literarischem Erleben und Broterwerb

15. Oktober 2008

Neue Publikationen zum Thema Essen. Die Geschichte der Köche von Alain Drouard und kulinarische Verästelungen in der Literatur, nachgespürt in einem schönen Sammelband von Karin Becker und Olivier Leplatre.

Wer dächte beim Thema Frankreich nicht zuallererst an Gaumenfreuden, kulinarische Genüsse und schlemmendes Wohlgefühl. Für einen so kundigen Frankreich-Liebhaber wie den Journalisten Johannes Willms jedenfalls war die erste Begegnung mit französischen Essen in einem elsässischen Ort Mitte der 50er Jahre so etwas wie ein Damaskuserlebnis, das ihn dauerhaft - und zu unser aller Freude - für die französische Lebensart einnahm:

»Dicht an dicht saß man beisammen, Junge und Alte, die Tische mit Speisen, Tellern, Gläsern und schlank aufragenden Weinflaschen vollgestellt. Dazwischen flitzten Kellner und Kellnerinnen umher, die ständig neue Platten mit Fleisch, Fisch, Gemüse und fingerlangen goldbraunen Stäbchen heranschafften, deren Auftauchen die Schmausenden mit lauten Jubelrufen begrüßten.

Kaum hatte man Platz genommen, machten neue Sensationen staunen. Die weißen Stoffservietten, die man entfaltete, waren so groß wie Kopfkissenbezüge! An jedem Eßplatz waren drei unterschiedlich große Teller, zwei Gabeln, zwei Messer, zwei Löffel, ein Arrangement, dem drei unterschiedlich geformte, hochstielige Gläser eine funkelnde Krone aufsetzten! Das war eine geradezu märchenhafte Zurüstung, wie man sie noch nie gewahrt hatte und die irgendwie bange machte.

Aber es blieb keine Zeit, sich mit dem Ungewohnten vertraut zu machen, denn schon nahte eine Kellnerin mit einem Tablett, auf dem schlanke, hohe Gläser aufragten, und einer dicken Flasche, deren fast wasserhelle Flüssigkeit perlend und schäumend in den jetzt besonders zerbrechlich wirkenden Gläsern aufstieg. Für das Kind, dem bis dahin nur ab und zu ein Schluck Weinschorle einen Blick in das Reich der Gnade geboten hatte, in dem nach seiner Vorstellung die Erwachsenen ausnahmslos lebten, war dies ein Initiationserlebnis. Damit überschritt es eine Schwelle, hinter die es kein Zurück mehr gab. Das erste Glas Champagner war ihm nichts weniger als das große Los in der Lotterie des Lebens.«

Ausgefeilte Kochkunst und überbordende Esskultur sind geradezu ein Inbegriff für Lebensfreude schlechthin, für die Lust am Exquisiten und Üppigen, für savoir vivre und alltägliche Leichtigkeit, und das wiederum ist im Bewusstsein unzähliger Touristengenerationen bis heute ein Markenzeichen der französischen Alltagskultur. Da hilft es auch nicht, dass der Guide Michelin - selbst wiederum ein nationales Denkmal - mittlerweile mehr Restaurants in Tokio mit seinem Sternenregen beglückt als in Paris. Dass die Franzosen mittags scharenweise in Fastfood-Restaurants stürmen oder an einem wenig nahrhaften Sandwich knabbern. Oder dass in vielen Haushalten die Tiefkühlkost ein fester Bestandteil wöchentlicher Menüplanung geworden ist. Nein, hartnäckig pflegt man in Deutschland und anderswo den Mythos der französischen Küche. Und tatsächlich rührt diese mythische Überhöhung an das Selbstverständnis und Selbstbewusstsein vieler Franzosen, auch jener, die gar nicht die finanziellen Mittel besitzen, um den Ansprüchen dieser Gastronomie auch nur in Ansätzen gerecht werden zu können. Aber man hängt wohl doch allzu sehr an seinen frankophilen, rotweindurchtränkten Klischeevorstellungen, als dass man seine Vorurteile einfach so über Bord werfen würde wie trockenes Brot. Und auch die Erinnerung an genusstriefende Beschreibungen ausgiebiger Schlemmereien in literarischen Werken der französischen Hochkultur versperren oftmals den Blick auf viel sprödere Realitäten. Erhellendes zur Essensaufnahme als Hochkulturerlebnis findet sich in Karin Beckers und Olivier Leplatres hübschem Sammelband zum "gastronomischen Diskurs" , in dem die Beiträgler den Verbindungen zwischen Literatur und Essen nachstöbern. Bodenständiger geht es da schon bei dem französischen Historiker Alain Drouard zu. In seiner Geschichte der Köche , die gerade in deutscher Übersetzung erschienen ist, wird deutlich, dass überhaupt erst die schweißtreibende Arbeit fleißiger Hände in der Küche die Gaumenfreuden möglich macht. Wer diese Männer (und wenigen Frauen) sind, die sich seit Jahrhunderten - mit mehr oder weniger großem Geschick - um unser leibliches Wohl bemühen, zeigt uns der Autor in seiner konzisen und lesenswerten Studie.

 

www.weave.ch: Flavia Vattolo / Carol Brandalise