CORCUFF, PHILIPPE (2007)

Jean Baudrillard: Ein Denker?

20. März 2007

Am 6. März 2007 verstarb der Medienphilosoph Jean Baudrillard. Eine kritische Würdigung des Lyoner Soziologen Philippe Corcuff.

bilder/Bi4-Corcuff-Portrait.gifNach dem Tod Jean Baudrillards erschienen die üblichen Pflichtkommentare über "den großen Denker, der nun verstorben ist". Ein Denker, der Autor von La guerre du Golfe n'a pas eu lieu[1] (1991)? Fast wäre er wirklich ein Denker geworden. Als er auf Distanz ging zur marxistischen Gesellschafts- und Wirtschaftsideologie, die damals das intellektuelle Milieu beherrschte, begann er seine Erkundungen der symbolischen Dimensionen der Wirklichkeit: Le système des objets (1968)[2], La société de consommation (1970) und vor allem Pour une critique de l'économie politique du signe (1972). Dies geschah gemäß der mit Mühsal verbundenen Logik eines Geisteshandwerkers, die nicht frei ist von den Schwerfälligkeiten einer reflexiven Forschungsarbeit. Im Zuge einer doppelten, politischen und intellektuellen, Entzauberung geriet er jedoch in die Sackgasse der "Postmoderne", die sich sowohl auf die thematischen Schwerpunkte als auch auf sein Verhältnis zur wissenschaftlichen Arbeit niederschlug. Die Texte, die er in der Zeitschrift der Gruppe Utopie zwischen 1967 und 1978 veröffentlichte, sind ein Zeugnis dieser Entwicklung. Die Betrachtungen über das Symbolhafte haben Baudrillards Bezug zur Wirklichkeit abreißen lassen. Die Suche nach provozierenden, glitzernden und eingängigen Thesen trat an die Stelle des kritischen Rationalismus. In Simulacres et Simulation (1981), dem Werk, das diesen Bruch markiert, proklamiert er die verblüffende Neuigkeit: die "Liquidierung alles Referenziellen"! Damit läutete er das Ende der Kritik der Illusionen im Namen der Wirklichkeit ein, einer Wirklichkeit, die sich nunmehr in der hegemonialen Logik eines "unsterblich" gewordenen Scheins auflöst. Entzieht sich aber wirklich nichts der vermeintlich allumfassenden Herrschaft der Bilder? Nein: "Alles zerschellt an den Bildschirmen des Fernsehens!" Der selbst ernannte "Nihilist" verstieg sich sogar zu dem Glauben, das Licht der Aufklärung endgültig ausgeknipst zu haben: "Ich beobachte, akzeptiere, verantworte und analysiere die zweite Revolution, die Revolution des 20. Jahrhunderts, die Revolution der Postmoderne und ihren gewaltigen Prozess der Sinnvernichtung." Wozu also noch die mühsamen und langwierigen sozialwissenschaftlichen Bemühungen um eine Annäherung an eine Wirklichkeit, die doch "nicht mehr möglich" ist? Stil, Intuition, schillernde Metapher, vorschnelle Verallgemeinerungen tun es doch auch. Der rationale Austausch von Argument und Gegenargument erscheint da wie aus einer anderen Zeit: Soll sich ein Künstlergenie etwa an so Trivialem messen lassen?

Natürlich hat Jean Baudrillard das Ufer intellektueller Strenge mit eleganter Ironie verlassen. Wie jedoch Wittgenstein einmal bemerkte, sei Eleganz nicht das, worum wir uns in den Laboratorien der kritischen Intelligenz bemühen. Jean Baudrillard glaubte, in seinen Worten das "Wesentliche" erkannt zu haben: das vermeintliche Ersticken der Realität an der Macht der Bilder. Dabei vergaß er allerdings, dass die Demut der Geistesarbeiter ein wenig mehr Zurückhaltung verlangt. "Nur so nämlich können wir der Ungerechtigkeit, oder Leere unserer Behauptungen entgehen, indem wir das Vorbild als das, was es ist, als Vergleichsobjekt - sozusagen als Maßstab - hinstellen; und nicht als Vorurteil, dem die Wirklichkeit entsprechen müsse. (Der Dogmatismus, in den wir beim Philosophieren so leicht verfallen.)."

In den Mittelpunkt der modernen Erfahrung hat Jean Baudrillard generell die viel enger gefasste Erfahrung des Fernsehzuschauers gestellt, der die Welt auf seinem Bildschirm betrachtet und für den diese sich auf ein Schauspiel reduziert, das sich vor seinen Augen vollzieht und das er mit seinem Blick in seiner Gänze erfassen kann. In dem Fernsehgerät, auf das er starrt, ist das "Ganze" der Welt enthalten. Damit scheint bei Jean Baudrillard so etwas wie eine Sehnsucht nach einer Ganzheit durch, die sich inmitten eines postmodernen Diskurses über die unabänderliche Zerstückelung des Sinns eingenistet hat. Zwar verschwindet das Wirkliche. Gleichzeitig wird aber das Bild zur letztgültigen Referenz, zum neuen umfassenden Sinngebilde, das für den Zuschauer, der sich von der Wirklichkeit verabschiedet hat, um das Fiktionale herum eine Ganzheit bildet. Schon 1984 hatte dies der Schriftsteller Claudio Magris in L'annello di Clarisse konstatiert: "Die Welt des vollständigen Nihilismus - Gesellschaft als Schauspiel, Simulakren, hinter denen sich nichts verbirgt - ist ein neuer Klassizismus, eine abgeschlossene und perfekte Ganzheit, die kein Verweis auf andere Dimension aufzusprengen vermag, insofern es überhaupt keine anderen Dimensionen gibt."

Dass solche Weissagungen im Medien- und im Antimedienbetrieb einen gewissen Anklang fanden, ist nicht weiter verwunderlich. Besessen von ihrer vorgeblichen Allmacht, haben es die Medienpraktiker bzw. -kritiker dabei inmitten der großen mit ihrer doch so geschätzten bzw. verachteten, kleinen Welt zu tun. Außerdem gibt ein eleganter Radikaldiskurs dem ernüchterten Spät-68er-Libé-Leser einen kritischen Kick und liefert ihm ein paar Stinkbomben gegen das "System" des antiliberalen Monde diplomatique-Abonnenten. Wozu sollten sich die inzwischen angepassten, einstigen Protestler und die neuen Schwarzweiß-Kritiker des "Einheitsdenkens" auch dafür interessieren, die Verwicklungen der Wirklichkeit zu erkunden, die sozialkritischen Instrumente zu verfeinern und all das im Rahmen einer geistigen Arbeit, das die Genauigkeit bei der Wissensproduktion nicht im Namen einer vollmundig vorgetragenen Botschaft mit Füßen tritt?

Im Grunde genommen hat Jean Baudrillard als Denker so gut wie nicht stattgefunden. Weniger gemessen an den linkischen Erbsenzählern im Universitätsbetrieb, zu denen ich wohl zähle, sondern im Vergleich zu all jenen, die uns überhaupt erst die Lust zu diesem Metier vermittelt haben, all die Merleau-Pontys, Lévi-Strauss, Foucaults, Dubys und Bourdieus.

© Philippe Corcuff und www.passerelle.de für die deutsche Übersetzung - März 2007.

Fussnote(n)

[1] Der Titel des französischen Originalbeitrags, ursprünglich in Le Monde am 18. / 19. März 2007 erschienen, lautet Jean Baudrillard n'as pas eu lieu, eine Anspielung auf die hier zitierte Schrift, deren Titel selbst wiederum auf ein Theaterstück von Jean Giraudoux verweist: La guerre de Troie n'aura pas lieu (Anmerkung des Übersetzers).
[2] Dt: Das System der Dinge. Über unser Verhältnis zu den alltäglichen Gegenständen, Frankfurt a.M. / New York, Campus (2. Auflage 2001). Die weiteren, im Beitrag erwähnten Schriften Baudrillards liegen nicht auf Deutsch vor (Anmerkung des Übersetzers).
www.weave.ch: Flavia Vattolo / Carol Brandalise