Hinweis zu 'Das Problem der Religion'
BOUVERESSE, JACQUES (2007)
Peut-on ne pas croire? Sur la vérité, la croyance et la foi
Marseille, Agone, 286 Seiten
Wissenschaftsphilosophisch, bisweilen auch polemisch und mit der gewohnten sprachlichen Präzision, Stilsicherheit und gedanklichen Klarheit befasst sich der französische Philosoph und Lehrstuhlinhaber am prestigeträchtigen Collège de France, Jacques Bouveresse, in seinem Buch Peut-on ne pas croire? mit der Problematik des Religiösen.[1] In vier älteren, teilweise deutlich überarbeiteten Artikeln kommentiert der in Deutschland vor allem als Musil-Experte bekannte Bouveresse die Wiederkehr des Religiösen und das Machtgleichgewicht zwischen religiösem Glauben und Wissenschaft, das längst nicht mehr so klar zugunsten letzterer ausfällt wie noch vor wenigen Jahrzehnten. Der vielleicht wichtigste Artikel trägt den Titel "Muss die Religion verteidigt werden?". Darin analysiert Bouveresse u.a. das Verhältnis zwischen Glaube und Wissen, die Natur der religiösen Erfahrung, die Möglichkeit einer "Glaubensethik", die Beziehungen zwischen Religion, Wissenschaft, Wahrheit und Demokratie. Es ist nicht weiter überraschend, dass Bouveresse, ein entschiedener Gegner einer oberflächlichen, zu übereilten Relativierungen neigenden Postmoderne, hier alles andere als ein Loblied auf Glauben und Religion anstimmt. Um ein antireligiöses Pamphlet handelt es sich allerdings auch nicht. Vielmehr kommentiert der französische Erkenntnisphilosoph die Thesen und Überlegungen zu der Religionsproblematik, wie sie so ehrwürdige Ahnherren wie Ernest Renan, Sigmund Freud, William James, Bertrand Russell, Jürgen Habermas, William K. Clifford und (natürlich) Ludwig Wittgenstein, einen seiner geistigen Ziehväter, entwickelt haben. Dabei bemüht sich Jacques Bouveresse um den Nachweis, dass der Glaube zwar durchaus begründet sein mag, dass man allerdings oftmals aus den falschen Gründen glaubt, dass manche Formen des Glaubens keinerlei Respekt verdienen, dass falsche religiöse Überzeugungen trotz ihrer nachweisbaren Falschheit eine mächtige Wirkung entfalten können und - vor allem - dass es keinerlei Grund gibt, sich für seinen Unglauben, für eine kritische und rational begründbare Wissenschaft des Denkens und Argumentierens zu schämen.
© passerelle.de, März 2007