Goldene Ghettos und Problemviertel. Soziologische Bemerkungen zur Stadtentwicklung in und um Paris

PINÇON, MICHEL / PINÇON-CHARLOT, MONIQUE (2008)

Paris - Soziologie einer Metropole

Berlin, Avinus Verlag, 2008, 100 Seiten, EUR 16
29. Februar 2008

Aus Anlass der in diesem Frühjahr im Avinus Verlag erscheinenden deutschen Übersetzung der in Frankreich sehr erfolgreichen Pariser Stadtsoziologie hier ein Interview mit den beiden namhaften Autoren Michel Pinçon und Monique Pinçon-Charlot zu der Stadtentwicklung in und um Paris: "Paris - Soziologie einer Metropole".

bilder/pincon_2008.gifDie beiden französischen Soziologen Michel Pinçon und Monique Pinçon-Charlot im Gespräch mit passerelle über den Ost-West-Gegensatz in der französischen Kapitale, die politische Funktion als Zentrum der Gegenmacht, die goldenen und weniger goldenen Ghettos und die Zukunft der französischen Metropole.

In diesem Frühjahr erscheint beim Avinus Verlag in Berlin die deutsche Übersetzung der hier bereits rezensierten Stadtsoziologie der beiden Autoren.

In Ihrem Paris-Buch beschreiben Sie, wie die sozialstrukturellen Veränderungen der Pariser Wohnbevölkerung (Entindustrialisierung, Verdrängung der Arbeiterbevölkerung und Verbürgerlichungstendenzen vor allem im Pariser Osten) im März 2001 paradoxerweise eine Machtübernahme der politischen Linken begünstigt haben. Lässt sich dieser Trend zu einer Linkswahl auch bei den letzten Präsidentschaftswahlen bemerken? Und könnte die Linke die wirtschaftliche und demographische Bedeutung der Hauptstadt vielleicht dazu nutzen, eine Gegenmacht zur bürgerlichen Regierung aufzubauen?

Nicolas Sarkozy wurde am 6. Mai 2007 mit 53,1 Prozent der Stimmen zum französischen Staatspräsidenten gewählt. In Paris dagegen lag er mit 50,2 Prozent der Stimmen nur um Haaresbreite vor seiner sozialistischen Herausforderin Ségolène Royal. Damit erhielt er lediglich 3.838 Stimmen mehr als seine Rivalin bei insgesamt über einer Million abgegebenen Stimmen. Früher schnitt das bürgerliche Lager bei den Präsidentschaftswahlen in der Hauptstadt stets besser ab als im Rest Frankreichs. Ségolène Royal lag in elf der zwanzig Arrondissements vorne. Im Übrigen bestätigt die Stimmverteilung den Gegensatz zwischen dem Pariser Osten und den westlichen Stadtvierteln. Der Westen ist fest in rechter Hand. Im 16. Arrondissement, dem Luxusviertel par excellence, erreicht Nicolas Sarkozy 81 Prozent der Stimmen. Dieses Resultat wird nur in der Pariser Vorort Neuilly übertroffen, der schicksten Kommune Frankreichs, dessen Bürgermeister fast zwanzig Jahre lang, zwischen 1983 und 2002, niemand anderes war als das jetzige Staatsoberhaupt: Hier erhielt Nicolas Sarkozy sogar 87 Prozent der Stimmen. Im Pariser Osten, im Viertel um den Friedhof Père-Lachaise und in Belleville dagegen bleibt Ségolène Royal nur knapp unter der 65-Prozent-Marke.

Trotz der - wie manche es nennen - "Verbürgerlichungsprozesse" der Stadt Paris - persönlich halten wir den Begriff "Gentrifizierung" für treffender -, ist der alte Gegensatz zwischen Ost und West, zwischen dem Paris der aufständischen Arbeiterschaft der Kommune 1871 und dem Paris der nach Versailles geflüchteten Oberschicht immer noch prägend. Die Bourgeoisie aus den gehobenen Wohnvierteln hat ihren Sinn für politische Realitäten wieder einmal eindrucksvoll unter Beweis gestellt und wie ein Mann für Nicolas Sarkozy gestimmt. Eigentlich sollten sein ungezügelter Populismus und seine medialen Verrenkungen auf die Mitglieder der erlesenen Gesellschaftszirkel wie des Jockey Club bzw. des Automobil Club eher abschreckend wirken. Solange diese Aristokraten und Großbürger keine Alternative sehen, werden sie Sarkozy allerdings den Rücken stärken. Immerhin garantiert er - zumindest vorübergehend - die fundamentalen Interessen der Oberschicht und kurioserweise auch die Rentabilität der Einnahmen aus Anlageinvestitionen, die den größten Teil der oberen Einkommen ausmachen. Dieser Sinn für politische Realitäten, der sich aus dem Klassenbewusstsein der herrschenden Schichten speist und gleichzeitig ein Faktor ihres ideologischen und alltagspraktischen Zusammenhalts ist, drückt sich nicht allein in einem konvergierenden Wahlverhalten aus. In ihm spiegelt sich auch der Wunsch nach sozialer Exklusivität, der im Pariser Westen stark ausgeprägt ist.

Im Osten war die soziale Mischung der Wohn- und Arbeitsbevölkerung stets größer. Bewohner aus der Mittelschicht und Angestellte in Leitungsfunktion waren hier immer vertreten, was sich umgekehrt für Arbeiter und einfache Angestellte in den westlichen Vierteln nicht behaupten lässt. Durch den Zuzug von Mitgliedern aus der Mittel- und Oberschicht mit hohem Bildungsniveau hat sich dieser gesellschaftliche Trend zusätzlich verstärkt. Dabei handelt es sich jedoch nicht um den typischen Bourgeois, der von seinen Aktien oder Immobilien lebt. In der Tat wurde mit Bertrand Delanoë ein Sozialist ins Pariser Rathaus gewählt und bei den Präsidentschaftswahlen stimmte diese Bevölkerung mehrheitlich für die Kandidatin der Sozialistischen Partei.

Diese wahlpolitischen Unwägbarkeiten unterstreichen, wie gern die französische Kapitale gegen den Strom schwimmt. Das zeigen die diversen revolutionären Begehrlichkeiten und ganz besonders die Pariser Kommune. Als das Land von der Linken regiert wurde, hatte die Hauptstadt mit Jacques Chirac einen konservativen Bürgermeister, der mehrfach in seinem Amt bestätigt wurde, während François Mitterrand zwei Amtszeiten im Präsidialpalast thronte. Heute hat sich diese Situation in ihr Gegenteil verkehrt. Der amtierende Bürgermeister Bertrand Delano¨ hat einiges in die Wege geleitet - etwa den Bau der Straßenbahn entlang des südlichen Stadtrings, die Einrichtung von Sozialbauwohnungen, die Sommerattraktion Paris-Plage, die Kulturveranstaltung Nuit blanche, der öffentliche Fahrradverleih usw. All das hat ihm eine große Popularität eingebracht. Bei den nächsten Wahlen 2008 hat er daher gute Chancen, wiedergewählt zu werden. Damit dürfte sich der politische Gegensatz zwischen (linker) Hauptstadt und (rechter) Regierung fortsetzen. Möglicherweise hat dieser Widerspruch mit der Funktion der Hauptstadt Paris zu tun. Hier konzentrieren sich nämlich alle Formen der Macht. Dieser Zentralismus, dem auch einige Maßnahmen der letzten Zeit wie etwa die Verlagerung der Verwaltungshochschule ENA nach Straßburg im Grunde nichts anhaben konnten, macht Paris vielleicht zu dem wichtigsten Zentrum für Innovation und Veränderungen. Die Vermutung liegt nahe, dass die Hauptstadt dem Rest Frankreichs immer einen Schritt voraus ist und Entwicklungen vorwegnimmt, die das Land als Ganzes nur mit Verzögerung erlebt. Das ist allerdings nur eine Arbeitshypothese, die man in den anderen Regionen Frankreichs wohl nicht ohne Schrecken und den Wunsch, sogleich das Gegenteil zu beweisen, lesen dürfte.

Das Problem der sozialen Mischung, der Sie alles in allem mit kritischer Sympathie begegnen, zieht sich wie ein roter Faden durch Ihre Pariser Stadtsoziologie. Hat der Staat aber heutzutage überhaupt noch die Mittel, gegen die Bildung von soziokulturell relativ homogenen Vierteln zu kämpfen, insofern scheinbar ein breites Bewusstsein für die sozialräumlichen Ungleichheiten entstanden ist und Vermeidungsstrategien in Ober- und Mittelschicht zur Regel werden?

Im Kampf gegen die Bildung goldener Ghettos steht der Staat - vorausgesetzt, dass er überhaupt dagegen angehen will - angesichts der verschärften Immobilienspekulation auf verlorenem Posten: Die Marktgesetze weisen jedem seinen Platz zu. Nur eine starke Politik zur Förderung des sozialen Wohnungsbaus kann diese liberale Logik eindämmen, die die Prozesse der Segregation und der gemeinschaftlichen Aggregation insbesondere der wohlhabenden Haushalte zwangsläufig verschärft.

Die gegenwärtigen Verdrängungsprozesse betreffen in erster Linie die Mittelschicht. Lehrer im Primär- bzw. Sekundärbereich können in der Hauptstadt eine anständige Wohnung weder mieten noch kaufen. Die Stadtverwaltung weiß das und möchte mittlere bzw. gehobene Wohnungen mit in das soziale Wohnungsbauprogramm aufnehmen. So hofft sie, einen Teil dieses Lehrpersonals in Paris zu halten. Bertrand Delano¨ will bis 2014 den gesetzlich vorgeschriebenen Schwellwert von 20 Prozent Sozialbauwohnungen erreichen. Das bedeutet umgerechnet 225.448 Sozialwohnungen. 2001 gab es lediglich 154.314, d.h. 13,4 Prozent der Erstwohnsitze. Seit Anfang der Amtszeit der neuen Stadtverwaltung wurden 22.000 neue Wohnungen eingerichtet (d.h. 15,4 Prozent), und in den Jahren 2007, 2008 und 2009 sollen besondere Anstrengungen zugunsten der sozial schwächsten Haushalte unternommen und Sozialwohnungen mit Billigmieten gebaut werden. Die Zahl der Antragsteller für Sozialwohnungen ist zwischen 1997 und 2007 von 81.500 auf 109.000 kontinuierlich gestiegen. Zwei Drittel dieser Anträge stammen aus den Vierteln mit einer einfachen Wohnbevölkerung im Osten der Hauptstadt. Im 18., 19. und 20. Arrondissement haben sich 25 Prozent der Familien in das Antragsregister für Sozialwohnungen eingetragen. Die Politik der Stadtverwaltung wird also versuchen, Haushalte aus den unteren Einkommensschichten in Paris zu halten und gleichzeitig die Verdrängung der Angehörigen der unteren Mittelschicht zu vermeiden. Das ist aber alles andere als eine leichte Aufgabe.

In den Vorstädten stellt sich das Problem unter umgekehrten Vorzeichen: Hier sind es die Angehörigen der Mittelschicht, die aus den Trabantenstädten fliehen, dort, wo der Anteil armer Familien - darunter zahlreiche Migrantenfamilien der letzten Einwanderungswelle - mittlerweile die Mehrheit stellen. Das erklärt auch, warum Viertel entstehen, in denen sich all jene Bürger konzentrieren, die auf dem Arbeitsmarkt nur schwer vermittelbar sind, bestenfalls über ein geringes Einkommen verfügen, oft in zerrütteten Familien leben und zudem noch immense Barrieren auf dem Weg zur Integration in die französische Gesellschaft zu überwinden haben. Diese Hindernisse haben damit zu tun, dass sie die Sprache des Landes, das eigentlich ihr Gastland sein sollte, nur unzureichend beherrschen und dass ihre Herkunftskulturen - im anthropologischen Sinne - und die Kultur Frankreichs so unterschiedlich sind. Angesichts dieser beiden Ghettobildungen mit den Superreichen auf der einen und den Ärmsten der Armen auf der anderen Seite sollten auch die Soziologen die allgemeinen Mechanismen aufdecken, die zu dieser Bipolarisierung der Extreme im sozialen Raum führen. Das aktuelle Segregationsniveau übertrifft bei weitem alles, was bisher in unserem Land zu beobachten war.

Ende 2005 kam es in vielen französischen Städten zu gewaltsamen Ausschreitungen. Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen diesen Unruhen und den urbanen Entwicklungen in Frankreich?

Die so genannten cités sind das exakte Gegenbild der schicken Wohnviertel und Villengegenden im Westen. Man findet sie in den äußersten Randbezirken im Pariser Osten. Vor allem prägen sie aber die nahe und insbesondere die etwas weiter entfernten Vorstädte.

Die Krawalle Ende 2005 haben mit einer Form der Ausgrenzungen in städtisches Gebiet zu tun, das nicht mehr eigentlich urban ist, jedenfalls nicht wenn man dem Wort eben auch seine ältere Bedeutung im Sinne einer "ausgesuchten Höflichkeit", eines "weltmännisch-gebildeten Auftretens" unterlegt. In den Vierteln, in denen ein hoher Anteil von Unterschichthaushalten zu Hause ist, treten die sozialen Probleme und Schwierigkeiten geballt zutage. Hier ist die Verzweiflung der Erwachsenen groß, und immer wieder kommt es zu Gewaltausbrüchen einer durch diese Lebensbedingungen schon weitgehend entsozialisierten Jugend. Die öffentlichen Verkehrsmittel sind für längere Fahrten derart teuer, dass die hohen Preise quasi zum vielfach praktizierten Schwarzfahren zwingen. Busse werden mit Steinen beworfen und manchmal angezündet. Vermutlich bricht sich so der Hass vieler Jugendlicher Bahn, die die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen würden, wenn sie denn erschwinglicher wären, und die als Schwarzfahrer schon öfter Bußgeld bezahlen mussten.

Die Konzentration der Armut verschärft diese Problemlage noch. Genau wie in den besseren Wohnvierteln, wo das homogene soziale Miteinander den Reichtum jedes Einzelnen gerade dadurch mehrt, dass er allen anderen zugute kommt (gewissermaßen eine Form des Kollektivismus der Bessergestellten, d.h. der Vergemeinschaftung der Nutzwerte, über die dieser Teil der Bevölkerung verfügt), verstärkt sich in den sozialen Brennpunktvierteln die allgegenwärtige Armut wechselseitig. Die Konsequenzen dieses Prozesses der Aggregation und der Segregration lassen sich an der Verwahrlosung der Wohngebäude und des Wohnumfelds ablesen und an einer Unterversorgung in vielen Lebensbereichen. Gerade an jenen Orten, wo der Gesundheitszustand der Einwohner am schlechtesten ist, mangelt es an Ärzten. Die Wohngebäude, gemeinschaftlichen Nutzflächen und Grünanlagen sind oft in einem beklagenswerten Zustand. In dem ultraschicken Pariser Vorort Neuilly ist der soziale Wohnungsbau zwar deutlich unterrepräsentiert. Die Gebäude mit Sozialwohnungen sind jedoch so gepflegt, dass sie sich kaum von den imposanten Repräsentationsbauten in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft unterscheiden. Nach Graffiti sucht man in diesem Reichen-Vorort jedenfalls vergebens. In vielen Vorstädten mit hohem Sozialwohnungsanteil sind dagegen die Gemeinschaftsbereiche, die Eingangshallen und Treppenhäuser, völlig heruntergekommen. Die auf Einschaltquoten fixierten Medien zeigen gern und oft, wie die Bewohner dieser Krisenvororte selbst ihr Wohnumfeld verunstalten. In einer Reportage mit dem Titel Mon HLM va craquer der Dokumentarreihe Envoyé spécial vom 13. September 2007 sah man beispielsweise, wie junge Kinder Zinnteile von den Flachdächern ihrer Wohnhäuser in den Vierteln im Norden von Marseille abreißen und dann an Schrotthändler weiterverkaufen. Woher die zumindest für die Kinder wertvollen Teile stammen, kümmert diese Händler dabei wenig. Allerdings erfährt man über die eigentlichen Gründe, warum die 10- bis 15-Jährigen so handeln, kaum etwas. Aus ihrer eigenen Notlage entsteht der Wunsch, alles irgendwie zu Geld zu machen. So entfernen sie sich jeden Tag ein bisschen weiter von dem gemeinschaftlichen Miteinander. Als Zuschauer empfindet man spontan nur Empörung, und man verurteilt in Bausch und Bogen ein derartig gemeingefährliches Verhalten (weil es schneller geht, werden die Zinnteile einfach von den Dächern herabgeworfen, sodass Passanten oder andere Kinder verletzt werden könnten).

bilder/pincon_2007.gifIn unserem letzten Buch, Les Ghettos du Gotha[1], gehen wir der Frage nach, wie das Bürgertum seinen Wohn- und Lebensraum verteidigt und zum Schutz seiner Pariser Villen und von riesigen Gärten umgebenen Patrizierhäuser mit Privatwegen und streng kontrollierten Zugängen alle Hebel in Bewegung setzt. Regelrechte Lastenhefte sowie schriftliche Vorgaben bei Wohnungseigentum beschränken den Handlungsspielraum jedes einzelnen Eigentümers ganz erheblich, was etwa die Umgrenzung des Wohneigentums betrifft. Damit sichern sie den kollektiven Erhalt des wirtschaftlichen, aber auch symbolischen und ästhetischen Wertes des jeweiligen Wohnraumes. Die vermögenden Familien wollen zudem, dass der Küstenstreifen in der Nähe ihrer sommerlichen Erholungsorte unverfälscht bleibt. Dazu verhandeln sie mit dem Conservatoire du Littoral, der für den Erhalt und den Schutz der Küstengebiete zuständigen staatlichen Behörde, über Verkauf bzw. Schenkung von Grundbesitz entlang der Küste. Im Gegenzug kümmert sich die Behörde um Pflege und Überwachung dieses Besitzes, der der Öffentlichkeit nur unter Aufsicht und Kontrolle behördlicher Ordnungskräfte offen steht. Den Wohngegenden für die unteren Gesellschaftsschichten oder einfacheren Urlaubsorten wird gewöhnlich nicht dieselbe Beachtung zuteil. Hier ist die Regel eher, dass jeder tun und lassen kann, was er will. Das jedoch schadet dem Gesamtbild dieser städtischen Räume und Naturlandschaften.

Die Ungleichheiten bei der Raumgestaltung haben allerdings auch mit einer Schieflage bei der Mittelausstattung der Kommunen zu tun. Gemeinden mit Einwohnern aus einfachen Verhältnissen sind in der Regel zwar dicht besiedelt. Sie verfügen aber lediglich über begrenzte Ressourcen. Das Gemeindebudget speist sich im Wesentlichen aus der Gewerbesteuer, die die Unternehmen an die jeweiligen Kommunen entrichten. Zumeist befinden sich die Firmensitze in den besser gestellten Gemeinden. Was den Ballungsraum Paris betrifft, so liegen diese vornehmlich im Westen, wo auch die bürgerlichen Familien ansässig sind. Eigentlich sollte ein System von Ausgleichszahlungen dieses Ungleichgewicht abfedern, doch haben die begüterten Gemeinden zumeist nur ein sehr eingeschränktes Solidaritätsgefühl gegenüber den ärmeren Nachbarkommunen. In unserem Buch zeigen wir, dass die unlängst vorgenommene Reform der Gewerbesteuer die Umverteilung sogar noch weiter beeinträchtigt. Die Gemeinde Clichy-sous-Bois, wo die Jugendkrawalle 2005 ihren Ausgang nahmen, ist eine der ärmsten Kommunen in der Region Île-de-France. In dem Luxusvorort Neuilly brannten dagegen keine Autos. Dort, wo die gesellschaftlichen Probleme am dringlichsten sind, sind die Finanzmittel der Gemeinde- bzw. Stadtverwaltungen am geringsten. Das kann sich auf die Ausstattung und die Arbeit der Verwaltungsbehörden nur negativ auswirken.

Die reichen Städte bauen auch kaum Sozialwohnungen. Damit fördern sie eine gewisse großbürgerliche Abgeschlossenheit. In Neuilly sind nur 2,6 Prozent aller Wohnungen Sozialwohnungen. In der Nachbarkommune Nanterre mit Einwohnern aus vorwiegend einfachen Verhältnissen liegt der entsprechende Anteil bei 54 Prozent. Von Gesetzes wegen müsste eigentlich jede Stadt ab einer gewissen Größe mindestens 20 Prozent Sozialwohnungen auf seinem Gemeindegebiet zählen. Andernfalls wird ein Bußgeld fällig. Damit wollte der Gesetzgeber eine gewisse soziale Mischung begünstigen. Die bürgerlichen Städte griffen allerdings lieber in den Geldbeutel, als dass sie sich unerwünschte Dauerbesucher in ihre Viertel holten.

Diese sowohl gesellschaftlichen als auch räumlichen Ungleichheiten tragen natürlich den Keim der städtischen Unruhen in sich.

Wie ist die Initiative zur Bildung eines großen und urbanistisch kohärenten Ballungsraumes rund um Paris zu bewerten? Hat sie angesichts der baulichen Besonderheiten der Stadt Paris, die der Boulevard périphérique auf ihrem engen Raum gewissermaßen gefangen hält, überhaupt Aussicht auf Erfolg? Und wenn ja, wie müsste man sich dies konkret vorstellen?

Von der Fläche her ist Paris eine eher kleine Hauptstadt. Die Außengrenzen der Stadt wurden in der Vergangenheit schon mehrmals verschoben - zuletzt 1860. Bis dahin markierten die großen Außenboulevards - der Boulevard de Clichy, de Rochechouart im Norden, der Boulevard Saint-Jacques und Auguste-Blanqui im Süden - die Grenzen der Stadt Paris. Sie fielen mit dem Verlauf der kurz vor der Revolution zur Erhebung eines Stadtzolls errichteten Befestigung der so genannten Fermiers Généraux zusammen. Später, in der ersten Hälfte der 1840er Jahre wurde auf Betreiben der damaligen Regierung unter Adolphe Thiers ein Befestigungswall errichtet, der das heutige Gebiet zwischen den boulevards des maréchaux, d.h. den nach den napoleonischen Marschällen benannten Boulevards, und der kreisförmig um Paris verlaufenden Stadtautobahn, dem boulevard périphérique, umfasst und einen Teil der zwischen diesen beiden Grenzlinien liegenden Vororte einschloss. Diese Situation wurde durch die Eingemeindung ganzer Kommunen bzw. von Gemeindeteilen, die sonst abgeschnitten gewesen wären, vereinfacht. Diese Eingemeindung brauchte Zeit und verlief auch nicht völlig problemlos.

Auf Paris konzentriert sich ein großer Teil der Wirtschaftsaktivitäten in der Region Île-de-France. 30 Prozent aller Arbeitsplätze in dieser Region befinden sich hier, während nur 19 Prozent aller Einwohner ihren Wohnsitz in Paris haben. Daher steht Paris in ständiger Wechselbeziehung zu den übrigen Gebieten des Ballungsraumes. Der Pendelverkehr zwischen Wohn- und Arbeitsort sind dabei eines der größten Probleme der Region. Im Westen fließen diese Menschenströme aufgrund einer gewissen gesellschaftlichen und städtebaulichen Kontinuität zwischen den gehobenen Pariser Wohnvierteln und den vorstädtischen Gemeinden Neuilly, Levallois und Boulogne noch relativ ungehindert. Der Boulevard périphérique verläuft hier unterirdisch oder zumindest unterhalb der Wohngebiete. Im Osten bohrt sich dagegen die Ringautobahn mitten durch das gewachsene Stadtbild. Paris und Banlieue stehen sich hier unverbunden gegenüber, in etwa wie die beiden Teile Berlins vor dem Mauerfall.

Aber wie schon 1860 stehen dem Prinzip eines großen Pariser Ballungsraumes die Interessen und Anliegen von Anwohnern und Politikern entgegen. Das Konzept eines Grand Paris würde außer der Hauptstadt noch 78 umliegende Gemeinden umfassen. Dabei dürfte es sich zumindest zunächst nicht um eine Eingemeindung im eigentlichen Sinne handeln wie 1860, sondern um die Schaffung einer gemeindeübergreifenden Organisationsinstanz, eine Art Kommunalverband zur Bewältigung der dringlichsten Aufgaben. Die Verteilung der Finanzmittel, die natürlich auch zu diesen Aufgaben zählt, ist dabei allerdings der wichtigste Streitpunkt. Paris und das südwestliche Departement Hauts-de-Seine verfügen über 80 Prozent des Gewerbesteueraufkommens, machen aber lediglich 60 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Die Departements Seine-Saint-Denis und Val-de-Marne im Norden, Osten und Süden des Ballungsraumes beziehen 20 Prozent der Gewerbesteuer bei 40 Prozent der Einwohner. Das Gefälle bei den Steuereinnahmen würde eigentlich eine gemeinschaftlich-solidarische Verteilung notwendig machen. Die reichen Gemeinden lehnen dies allerdings strikt ab. Trotzdem nehmen die Koordinationsprobleme innerhalb des Ballungsraumes mittlerweile ein derartiges Ausmaß an, dass sich hinsichtlich des Prinzips einer institutionellen Annährung der Kommunen ein gewisser Konsens abzeichnet. Der bürgerliche Staatspräsident Nicolas Sarkozy, der selbst lange das Bürgermeisteramt von Neuilly innehatte, sowie der sozialistische Bürgermeister Bertrand Delano¨ sind sich prinzipiell darüber einig. Gleichzeitig ist die Umsetzung derart kompliziert und berührt so unterschiedliche Interessen, dass sie fürs Erste noch in weiter Ferne ist.

Abschließend noch eine kurze Frage in urbanistischer Trendprognostik: Wie wird die Stadt Paris Mitte des 21. Jahrhunderts aussehen?

Allen Schwierigkeiten zum Trotz ist es nicht unwahrscheinlich, dass Paris in Zukunft mit einem Teil der umliegenden Gemeinden im Sinne einer besseren Kooperation zusammenarbeiten wird. Man wird wohl daran arbeiten, dass die Demarkationslinie zwischen der Hauptstadt und ihren Vororten nicht mehr so stark zutage tritt, wie es heute der Fall ist. Vor allem im Osten deutet eine Reihe von städtebaulichen Projekten jedenfalls in diese Richtung.

Wichtiger ist vielleicht, dass die Gefahr besteht, dass im heutigen Zentrum von Paris in Zukunft fast ausschließlich Angehörige aus der gehobenen Mittel- bzw. Oberschicht wohnen werden. Gegenwärtig deutet jedenfalls nichts darauf hin, dass dieser Gentrifizierungsprozess seinem Ende entgegengeht. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass die Wohngebiete mit Einwohnern aus einfachen Verhältnissen im Pariser Norden und Osten (Goutte d'Or, Belleville, Ménilmontant usw.) zunehmend von einem modisch-jungen Akademikermilieu verdrängt werden. Um diese Entwicklung aufzuhalten, bedürfte es eines klaren politischen Willens. Da ist allerdings nicht allein die Pariser Stadtverwaltung gefordert, sondern auch der französische Staat.

Außerdem werden sich voraussichtlich die Effekte eines Massentourismus und der internationalen Magnetwirkung der Stadt bemerkbar machen. Die Pariser Innenstadt entwickelt sich zu einem Freizeitzentrum für Besucher aus der französischen Provinz und anderen Ländern, in das allerdings auch die Bewohner aus der Banlieue strömen. Das erklärt, warum man in manchen Vierteln mehr Freizeittouristen trifft als Anwohner und warum dort das Freizeitangebot immer mehr Bedeutung gewinnt. Das Hallen-Viertel im Pariser Zentrum, die Champs-Élysées, die Bastille sind womöglich nur Vorzeichen für eine städtische Lebensform, bei denen all jene, die in den Vierteln wohnen und arbeiten, in Zukunft gegenüber den Freizeitkonsumenten immer mehr an Boden verlieren. Wenn man sich ansieht, wie sich der einstige Weingroßmarkt von Bercy im Osten von Paris verändert hat, wie dort Kinos, eine Cinemathek, eine Zirkusschule und typische Geschäfte für Akademikerhaushalte aus der Mittelschicht Einzug hielten, so zeigt dies, wie sehr sich die Stadt allmählich zu einem Freizeitraum wandelt und fast museale Züge annimmt. Eine Folge dieser Anziehungskraft der Stadt Paris sind die zahlreichen Zweit- und Nebenwohnsitze, die sich manche Franzosen aus anderen Regionen Frankreichs und einige Ausländer hier halten und zwischenzeitlich bewohnen.

Gerade für die neue Pariser Wohnbevölkerung, die in den Kreativberufen arbeitet, könnte diese Entwicklung im Zuge einer verstärkten Nutzung der Telearbeit noch weitere Blüten treiben. Durch die geringere Reisezeit mit dem TGV ist man gegebenenfalls schnell in Paris, während man die meiste Zeit auf dem Land oder in einer nicht so teuren und weniger dicht besiedelten Stadt von zu Hause aus arbeitet.

Trotzdem begründen die zentralistischen Pariser Tendenzen und die Konzentration der Ressourcen und Akteure in vielen Bereichen der creative industries, von der Modebranche und der Filmproduktion über das Verlagswesen bis hin zu Presse und Fernsehen zusammen mit dem dazu gehörigen typischen städtischen Lebensstil ein wirkliches Berufsmilieu. So gesehen, wird ein Wohnsitz in Paris für manche auch in Zukunft noch von Bedeutung sein. Es muss nicht notgedrungen dazu kommen, dass die jüngeren Erwerbstätigen außerhalb dieses Wirtschaftszentrums leben. Die Telekommunikation, die die neuen Technologien ermöglichen, wird möglicherweise an Grenzen stoßen, da der direkte, unvermittelte, persönliche Kontakt immer noch notwendig ist. Auch die drohende Musealisierung der Stadt sollte insofern nicht übertrieben werden, als das Netz an Wirtschaftsaktivitäten, das sowohl nationalen als auch internationalen Maßstäben genügt, in Paris noch dicht gewoben ist. Mit immerhin noch mehr als 1.650.000 Arbeitsplätzen ist Paris auch heute noch eine wirtschaftlich dynamische Stadt.

Michel Pinçon, Monique Pinçon-Charlot, wir danken Ihnen für das Gespräch.

© www.passerelle.de - Februar 2008

Fussnote(n)

[1] Michel Pinçon / Monique Pinçon-Charlot, Les Ghettos du Gotha, Paris, Le Seuil, 2007.
www.weave.ch: Flavia Vattolo / Carol Brandalise