GLOSSAR

bilder/wirtschaftsmodell_frankreich_2007.gif"Beim Wechsel hoher Staatsbeamter in die Wirtschaft darf man nicht vergessen, dass während dieser Phase der betreffende 'Beamte' nur freigestellt wurde, also in gewissem Sinne weiterhin im Dienste der Nation steht. Die zumeist in leitende Funktionen wechselnden Spitzenkräfte können somit - je nach Loyalität - durchaus als verlängerter Arm staatlicher Wirtschaftspolitik fungieren und die Interessen ihres eigentlichen Dienstherrn bei ihren Entscheidungen mit berücksichtigen. Eine sich zum Teil daraus ergebende Konsequenz ist, dass eine auffällig große Zahl von Unternehmensgruppen in sehr unterschiedlichen Sektoren tätig ist, ohne dass unbedingt eine wirtschaftliche Logik oder Synergieeffekte erkennbar sind. Noch bevor Lagardère zu Beginn der 1980er Jahre mit der Übernahme von Hachette ins Mediengeschäft einstieg, ist seine Firma Matra in zehn unterschiedlichen Sektoren tätig. Wenig Synergie lässt sich auch bei der Familie Bouygues erkennen, der Frankreichs größtes Hoch- und Tiefbauunternehmen gehört, die 1986 Frankreichs erstes Privatfernsehen TF1 erwarb und der mittlerweile auch der drittgrößte Telefonanbieter des Landes gehört. Diese Liste ließe sich relativ lange fortführen; interessanter und aufschlussreicher ist jedoch die Beantwortung der Frage, wie diese Mischkonzerne zustande kamen und weshalb sie in Frankreich sehr viel häufiger anzutreffen sind als in vergleichbaren Ländern wie Deutschland. Neben dem indirekten Einfluss staatlicher Industriepolitik auf die Privatwirtschaft durch die Netzwerke ehemaliger Staatsbeamter hängt diese Tatsache auch mit der bereits dargestellten Rolle der französischen Banken zusammen, die sich ja nie wirklich als Industriebanken verstanden. Damit aber stellt sich besonders für mittelständische und kleine Unternehmen die Frage der Finanzierung ihrer Aktivitäten sowie ihres Wachstums in besonders drängender Weise. Eine Folge davon ist, dass die Anzahl mittelständischer Unternehmen mit 20 bis 500 Mitarbeitern in Frankreich relativ gering ausfällt und gleichzeitig ein hoher Prozentsatz vor allem größerer Firmen die Rechtsform einer offenen Kapital- bzw. Aktiengesellschaft wählte. Der Gang an den Aktienmarkt war und ist für viele Mittelständler oftmals die einzige Alternative zur Finanzierung ihrer Aktivitäten. Vor diesem Hintergrund wird es verständlich, weshalb industrielle Investoren wie Lagardère, Bolloré oder Pinault im französischen business system eine so wichtige Rolle spielen. Sie verfügen einerseits über das unternehmerische Know How und können andererseits entsprechende Finanzmittel mobilisieren, um in Geldnöte geratenen Mittelständlern zu helfen oder diese schlicht zu übernehmen. Dies geschieht entweder aus einem wirtschaftlichen Opportunismus heraus, aus Macht- und Einflussstreben oder aufgrund des Drängens staatlicher Stabsstellen."

aus: Christoph I. Barmeyer / Hans-Jörg Schlierer / Fred Seidel, Wirtschaftsmodell Frankreich. Märkte, Unternehmen, Manager, Frankfurt am Main / New York, Campus, 2007: 138-140.

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