GLOSSAR
"Beim
Wechsel hoher Staatsbeamter in die Wirtschaft darf man nicht vergessen,
dass während dieser Phase der betreffende 'Beamte' nur freigestellt
wurde, also in gewissem Sinne weiterhin im Dienste der Nation steht.
Die zumeist in leitende Funktionen wechselnden Spitzenkräfte können
somit - je nach Loyalität - durchaus als verlängerter Arm staatlicher
Wirtschaftspolitik fungieren und die Interessen ihres eigentlichen
Dienstherrn bei ihren Entscheidungen mit berücksichtigen. Eine sich zum
Teil daraus ergebende Konsequenz ist, dass eine auffällig große Zahl
von Unternehmensgruppen in sehr unterschiedlichen Sektoren tätig ist,
ohne dass unbedingt eine wirtschaftliche Logik oder Synergieeffekte
erkennbar sind. Noch bevor Lagardère zu Beginn der 1980er Jahre mit der
Übernahme von Hachette ins Mediengeschäft einstieg, ist seine Firma
Matra in zehn unterschiedlichen Sektoren tätig. Wenig Synergie lässt
sich auch bei der Familie Bouygues erkennen, der Frankreichs größtes
Hoch- und Tiefbauunternehmen gehört, die 1986 Frankreichs erstes
Privatfernsehen TF1 erwarb und der mittlerweile auch der drittgrößte
Telefonanbieter des Landes gehört. Diese Liste ließe sich relativ lange
fortführen; interessanter und aufschlussreicher ist jedoch die
Beantwortung der Frage, wie diese Mischkonzerne zustande kamen und
weshalb sie in Frankreich sehr viel häufiger anzutreffen sind als in
vergleichbaren Ländern wie Deutschland. Neben dem indirekten Einfluss
staatlicher Industriepolitik auf die Privatwirtschaft durch die
Netzwerke ehemaliger Staatsbeamter hängt diese Tatsache auch mit der
bereits dargestellten Rolle der französischen Banken zusammen, die sich
ja nie wirklich als Industriebanken verstanden. Damit aber stellt sich
besonders für mittelständische und kleine Unternehmen die Frage der
Finanzierung ihrer Aktivitäten sowie ihres Wachstums in besonders
drängender Weise. Eine Folge davon ist, dass die Anzahl
mittelständischer Unternehmen mit 20 bis 500 Mitarbeitern in Frankreich
relativ gering ausfällt und gleichzeitig ein hoher Prozentsatz vor
allem größerer Firmen die Rechtsform einer offenen Kapital- bzw.
Aktiengesellschaft wählte. Der Gang an den Aktienmarkt war und ist für
viele Mittelständler oftmals die einzige Alternative zur Finanzierung
ihrer Aktivitäten. Vor diesem Hintergrund wird es verständlich, weshalb
industrielle Investoren wie Lagardère, Bolloré oder Pinault im
französischen business system eine so wichtige Rolle spielen.
Sie verfügen einerseits über das unternehmerische Know How und können
andererseits entsprechende Finanzmittel mobilisieren, um in Geldnöte
geratenen Mittelständlern zu helfen oder diese schlicht zu übernehmen.
Dies geschieht entweder aus einem wirtschaftlichen Opportunismus
heraus, aus Macht- und Einflussstreben oder aufgrund des Drängens
staatlicher Stabsstellen."
aus: Christoph I. Barmeyer / Hans-Jörg Schlierer / Fred Seidel, Wirtschaftsmodell Frankreich. Märkte, Unternehmen, Manager, Frankfurt am Main / New York, Campus, 2007: 138-140.
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