Glossar

Das Glossar erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit und wird in unregelmäßgen Abständen ergänzt.

A - B -  C -  D -  E -  F -  G -  H -  I -  J -  K -  L - M -  N -  O -  P -  Q -  R -  S -  T -  U - V -  W -  X -  Y -  Z - 

 

A

  • abstention - Wahlenthaltung.
    Vgl. taux de participation.
  • action - Soziales Handeln lässt sich nach Weber idealtypisch nach vier Handlungslogiken in ein zweckrationales (action rationelle en finalité), wertrationales (action rationelle en valeur), affektuelles (action déterminée par les affects et les émotions) und traditionales Handeln (action liée à la tradition) klassifizieren.
  • action, sociologie de l' - Soziologie der sozialen Bewegung.
  • allocation universelle - Allgemeines Grundeinkommen, Basiseinkommen, Bürgergeld usw. Im Unterschied zu "klassischen" Fürsorgeleistungen im modernen Wohlfahrtsstaat, die an eine Bedürftigkeitsprüfung gekoppelt sind, sieht das Konzept des allgemeinen Grundeinkommens eine Auszahlung an alle Anghörigen einer politischen Gemeinschaft ungeachtet ihrer Vermögenslage vor. Die Bewilligung erfolgt individuell und ist an keinerlei Gegenleistung gekoppelt.
    Vgl. den ausgezeichneten Einführungsband Vanderborght/ Van Parijs (2005), Füllsack (2002) oder auch den Internetauftritt des BIEN (Basic Income Earth Network).
  • amélioration parétienne - Vgl. critère de Pareto.
  • analyse multivariée - Die Mehrvariablenanalyse oder multivariate Analyse ist ein rechnerisches Verfahren zur Bestimmung der tatsächlichen Erklärungskraft mehrerer unabhängigen Variablen.
  • antiscientisme - Wissenschaftsfeindlichkeit.
  • appariement, modèle d' - Matching-Modell, d.h. z.B. die "passgenaue" Abstimmung von Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage.
  • apprentissage tout au long de la vie - lebenslanges Lernen.
  • ascenseur social - Sozialer Aufstieg, soziale Aufstiegsmöglichkeiten, Mittel zum sozialen Aufstieg.
    Vgl. Artikel.
  • ascension sociale - Sozialer Aufstieg.
  • association de malfaiteurs - Bildung einer kriminellen Vereinigung.
    Vgl. criminalité organisée.
  • avantage comparatif - komparativer Kostenvorteil.
  • avantage compétitif / concurrentiel - Wettbewerbsvorteil.

B

  • bande organisée - Bande, Bandenkriminalität.
    Vgl. criminalité organisée.
  • bon sens - gesunder Menschenverstand.
    Vgl. sens commun.

C

  • carnet de commandes - Auftragsbücher.
  • carte scolaire - Schulbezirke, Schulsprengel, Schulsprengelgrenze, Sprengelprinzip.
  • cessation de(s) paiements - Zahlungsunfähigkeit, Insolvenz.
  • chef, petit - Der Begriff des petit chef bezeichnet einen Vorgesetzten in niedriger Leitungsfunktion, der sich durch autoritäres Gebaren, militärischen Befehlston und Missbrauch seiner Weisungsbefugnis auszeichnet. In Siegfried Kracauers Angestellten-Buch (ursprünglich als Zeitungsartikel 1929) findet sich ein ähnlicher Typus von Vorgesetzten beschrieben, die hier etwa als militärisch Chargierte von geringen Graden, kleine Herren oder auch Gewaltherrscher minderen Ranges bezeichnet werden.
  • chômage - Man unterscheidet gewöhnlich zwischen einer strukturellen (chômage structurel), konjunkturellen (chômage conjoncturel), saisonalen (chômage saisonnier) oder friktionellen Arbeitslosigkeit (chômage frictionel), d.h. einer zumeist kurzen Zeit der Erwerbslosigkeit, die selbst im Falle einer Vollbeschäftigung bei einem Arbeitsplatzwechsel oft unvermeidlich ist. In Frankreich ist auch der Begriff der chômage technique üblich, dem im deutschen Sprachgebrauch eine betriebsbedingte Kurzarbeit entspricht.
  • chômage d'équilibre - Gleichgewichtsarbeitslosigkeit.
  • cité - Polis, Öffentlichkeit, Staat, Gesellschaft, Rechtfertigungsordnung.
    Vgl. Artikel
  • classes moyennes - Mittelschicht, Mittelstand, Mittelklasse. Die Mittelschicht - im Französischen gewöhnlich im Plural - zerfällt in eine gehobene (classe moyenne supérieure), eine mittlere (classe moyenne intermédiaire) und eine untere Mittelschicht (classe moyenne inférieure).
    Vgl. moyennisation.
  • Comité d'hygiène, de sécurité et des conditions du travail (CHSCT) - Arbeitsschutzausschuss.
  • complot, théorie du - Verschwörungstheorie.
  • composition, effet de - Der Begriff "Kompositionseffekt" bezeichnet ein unerwünschtes kollektives Ergebnis, das aus bewussten individuellen Handlungen entsteht.
  • concurrence méritocratique - Der Begriff der "Leistungskonkurrenz" bezeichnet eine Wettbewerbssituation zwischen Individuen, die allein das persönliche Verdienst, d.h. die individuelle Leistung berücksichtigt und etwa die soziale oder ethnische Herkunft ausblendet.
  • congés payés - Die Ansprüche auf eine gesetzlich vorgeschriebene, bezahlte Urlaubszeit gehören zu den Gemeinplätzen des kollektiven Gedächtnisses in Frankreich und sind eng mit dem Namen Léon Blum und seiner Linkskoalition der Front populaire verbunden, die von 1936 bis 1938 die Regierungsgeschäfte leitete und mit den so genannten Accords de Matignon (darunter auch die gesetzlich geregelten Urlaubsansprüche) ein fester Bestandteil linken Bewusstseins in Frankreich wurde. Das es sich dabei zumindest zum Teil um eine Mythenbildung handelt weiß unter anderem auch Jean Viard.
  • conglomérat - Ein Mischkonzern bezeichnet einen Konzern aus Unternehmen mit unterschiedlichen Produktionen oder Dienstleistungen.
  • connaissance, sociologie de la - Wissenssoziologie. R. Boudon (z.B. 2004: 15) spricht auch von sociologie des idées zur Bezeichnung der systematischen Untersuchung der sozialen Bedingtheit bzw. der gesellschaftlichen Entstehungsbedingungen des Denkens, der Weltanschauungen, des Bewusstseins usw.
  • consommation ostentatoire - Demonstrativer, ostentativer Konsum, Geltungskonsum (engl. conspicuous consumption). Auf Thorstein Veblen und seine Theorie der feinen Leute zurückgehende Bezeichnung eines augenfälligen, auf öffentliche Wirksamkeit zielenden Konsums im Sinne einer gesellschaftlichen Distinktion.
  • contexte, effets de - Kontexteffekte: Einflüsse aus dem Umfeld (z.B. dem Wohngebiet, der Zusammensetzung einer Schulklasse), die sich auf die Entwicklung der sozial Handelnden auswirken.
    Vgl. etwa Maurin 2004.
  • contrôle, groupe de - Kontrollgruppe: Gruppe von sozialen Akteuren, die in ihrer Zusammensetzung einer Experimentalgruppe möglichst ähnlich ist, so dass sich Kausalhypothesen überprüfen lassen.
    Vgl. etwa das bekannte Perry Preschool Project.
  • contrôle des ressources - Vgl. ressources.
  • conviction, éthique de - Gesinnungsethik.
  • conviction, intellectuel de - Gesinnungsethiker, gesinnungsethischer Intellektueller.
  • coût d'opportunité - Opportunitätskosten sind Kosten, die aus einer nicht gewählten Handlungsalternative entstehen.
  • crédit d'impôt remboursable - Bei dem crédit d'impôt remboursable handelt es sich um eine auszahlbare Steuergutschrift für Sozialhilfeempfänger und Geringverdiener. Beispiele dafür sind die französische Prime pour l'emploi und der amerikanische Earned Income Tax Credit. Ziel dieser Maßnahme ist es, diesen Erwerbsgruppen Zuverdienstmöglichkeiten zu bieten, um deren Arbeitsbereitschaft und Integration auf den Arbeitsmarkt zu fördern. Dieses Steuergutschrift entspricht in der deutschen Diskussion dem Konzept des Kombilohns, insofern es sich um eine Kombination aus Erwerbs- und Sozialeinkommen handelt.
    Vgl. die von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Auftrag gegebene Expertise Kombilöhne im internationalen Vergleich.
  • crime organisé - organisiertes Verbrechen.
    Vgl. criminalité organisée.
  • criminalité organisée - Die organisierte Kriminalität ist im französischen Recht kein eigenständiger Rechtstatbestand. Verwandte Tatbestände sind etwa die association de malfaiteurs, d.h. die Bildung einer kriminellen Vereinigung, sowie die bande organisée, die Bande bzw. Bandenkriminalität. Letztere stellt jedoch keinen eigenständigen Straftatbestand dar. Vielmehr handelt es sich hier lediglich um den erschwerenden Umstand eines gemeinschaftlichen Tatbegehens (etwa vol en bande organisée, d.h. Bandendiebstahl).
  • critère de Pareto - Pareto-Kriterium. Das auf den italienischen Ökonomen und Soziologen zurückgehende Messinstrument zur Berücksichtigung aller Beteiligten. Demnach sind Vorhaben akzeptabel, bei denen niemand im Vergleich zur bestehenden Situation schlechter gestellt wird und zumindest eine Person (Gruppe etc.) davon profitiert. Diese allgemeine Verbesserung wird als "pareto-superior" (amélioration parétienne) bezeichnet. Die Bezeichnungen "pareto-effizient" bzw. "pareto-optimal" beschreiben einen Zustand, bei dem niemand einen Zugewinn verzeichnen kann, ohne dass andere dadurch benachteiligt würden.

D

  • délinquance d'appropriation - Eigentumsdelikte.
  • démoyennisation - Im Zuge der wirtschaftlichen Stagnation bzw. des stark verlangsamten Wirtschaftswachstums seit den 70er Jahren sind die nachwachsenden Generationen gegenüber ihrer Elterngeneration benachteiligt (vgl. vor allem Chauvel 2002). Der Berufseinstieg ist beschwerlicher, die Karriereaussichten düsterer, der Arbeitsplatz unsicherer. Zum ersten Mal seit langer Zeit lässt sich also ein Generationenbruch zu Lasten der jüngeren Generation beobachten. Damit machen sich im Mittelstand nicht unbegründete Abstiegsängste breit und die Mittelschichten verlieren auch ihre gesellschaftliche Leitfunktion und soziale Bindekraft (Chauvel 2006).
    Vgl. moyennisation.
  • descenseur social - Vgl. ascenseur social.
  • détenteur d'emploi - Arbeitsplatzinhaber.
  • dette extérieure - Auslandsschulden.
  • dette publique - Staatsschulden.
  • dispositif fiscal dérogatoire - steuer(recht)licher Ausnahmetatbestand.
  • droit des faillites - Insolvenzrecht.
  • droit au logement opposable - Die Diskussion um ein einklagbares Wohnrecht ist zum Jahresende 2006/2007 im Zuge einer medienwirksamen Protestaktion der Obdachlosenorganisation "Enfants de Don Quichotte" entbrannt. Eine kritische Bewertung liefert der französische Jurist Frédéric Rouvillois für die rechtsliberale, der konservativen Partei UMP nahe stehende Denkfabrik Fondation pour l'innovation politique.
    Vgl. Frédéric Rouvillois, Faut-il s'opposer aux droits opposables? sowie eine kurze Zusammenfassung in der Tageszeitung Les Échos.
  • droite - die Rechte, Rechtsparteien, konservative bzw. bürgerliche Parteien.
    Vgl. gauche / droite.
  • droitisation - Rechtsruck. Ein in Wissenschaft und politischer Presse bisweilen gebrauchter Ausdruck zur Bezeichnung einer stärker klassisch rechts ausgerichteten politischen Programmatik bzw. Praxis, die wirtschaflichen Liberalismus mit Sicherheitsthematiken kombiniert.
  • droits de tirages sociaux - Soziale Ziehungsrechte, Freistellungsrechte, Beurlaubungsrechte.
    Vgl. Artikel.

E

  • écart de pauvreté - Armutslücke (engl. poverty gap): Die Armutslücke bezeichnet die Differenz zwischen dem Einkommen der von Armut Betroffenen und der Armutsschwelle (ligne de pauvreté).
  • écart-type - Standardabweichung.
  • économie de la connaissance - wissensbasierte Wirtschaft.
  • économie parallèle - vgl. économie souterraine.
  • économie souterraine - Untergrundwirtschaft, Schattenwirtschaft, informelle Wirtschaft.
  • économies d'échelle - Größenbedingte Einsparungen, Kostenvorteile, Skaleneffekte, Einspareffekte. Bei den économies d'échelle handelt es sich um größenbedingte Einsparungen, d.h. um Kostenvorteile, die sich aus einer bestimmten Unternehmensgröße ergeben. Anders als der deutsche Begriff der Kostenvorteile, der eine Konkurrenzsituation konnotiert und damit im Wesentlichen auf das Wirtschaftsleben beschränkt bleibt, sprechen französische Soziologen jedoch auch von économies d'échelle, wenn es beispielsweise um die geringeren Lebenshaltungskosten von Ehepaaren oder ähnlichen Lebensgemeinschaften gegenüber Alleinlebenden handelt, die nämlich mit wachsender Haushaltsgröße sinken (Einspareffekte).
  • effets d'aubaine - Mitnahmeeffekte. Darunter versteht man, dass ein spezifisches Verhalten (z.B. Schaffung von Arbeitsplätzen) auch ohne staatliche Eingriffe (z.B. Subventionen für die Einstellung von Langzeitarbeitslosen) zu beobachten gewesen wäre und dass die Akteure insofern also zu Unrecht staatliche Leistungen in Anspruch nehmen.
  • effet de scarification - Vernarbungseffekt, Skarifizierungseffekt.
    Vgl. den Artikel zur Generationenproblematik von Louis Chauvel.
  • éligibilité - passives Wahlrecht, Wählbarkeit.
  • emploi atypique - atypisches Beschäftigungsverhältnis.
  • emploi convenable - In der französischen Presse gängiger Begriff zur Übersetzung von "zumutbare Beschäftigung", die im Zusammenhang mit der Hartz IV-Reform oft gebraucht wurde. Im Zuge der Reform der Arbeitslosenversicherung, die unter dem Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy von der bürgerlichen Regierung eingeleitet wurde, wurde die Bewilligung von Arbeitslosenleistungen ebenfalls an strengere Kriterien geknüpft, die sowohl die Natur der Arbeit betreffen als auch deren Vergütung und lokale Verankerung. Der amtliche Begriff hierzu lautet "offre raisonnable d'emploi". 
  • emploi typique - Normalarbeitsverhältnis.
  • employabilité - Vermittelbarkeit, Einstellungspotenzial, Beschäftigungskapital, Marktfähigkeit, employability.
    Vgl. Artikel.
  • escalier mécanique - Vgl. ascenseur social.
  • exclusion - Exklusion, Ausgrenzung.
    Vgl. Artikel.
  • expérimental, groupe - Experimentalgruppe

F

  • famille, chef de - Haushaltsvorstand.
  • famille recomposée - Patchworkfamilie.
  • fin des paysans - Verschwinden des bäuerlichen Familienbetriebs im Zuge der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Modernisierung des 20. Jahrhunderts, oft auch als Bauernsterben bezeichnet.
  • flexicurité/ flexsécurité - Der Begriff der "flexicurity", manchmal auch "flexsecurity", ist eng mit dem dänischen Sozialmodell verbunden, das in den 1980er Jahren in einer schweren Krise steckte, schließlich aber zu einem spektakulären Gesundungsprozess ansetzte. Die wesentlichen Besonderheiten dieses Sozialmodells bestehen einerseits in einer ausgeprägten Flexibilität von Unternehmen und Arbeitnehmern und andererseits in einer gesellschaftlichen Absicherung der Berufswege (Arbeitslosenrate September 2005: 4,7% (Frankreich: 9,4%); Erwerbsquote 2004: 75% (Frankreich: 62%); Jugenderwerbsquote (15-24 Jahre): 60% (Frankreich: 30%)). Dabei ist zu beachten, dass die Flexibilität nicht allein als numerische Größe (flexibilité numérique) und Anpassungsvariable an wirtschaftliche Kontextbedingungen betrachtet wird. Vielmehr wird sie auch als organisatorische Funktionsflexibilität (flexibilité fonctionnelle) innerhalb der Unternehmen verstanden. Darüber hinaus handelt es sich bei dem Begriff der Flexibilität, so wie er in Dänemark verstanden wird, keineswegs um ein rein unternehmerzentriertes Konzept, insofern die Arbeitnehmer aus Gründen der Karriereplanung, der Vereinbarkeit von Berufs- und Familienleben usw. auch zeitweilig mehr oder weniger arbeiten können. Was die soziale Absicherung betrifft, so sind hier großzügige Sozialleistungen an eine Aktivierung der Arbeitslosen und Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten gekoppelt (2003 haben etwa 80% der Dänen gegenüber 51% der Franzosen an Schulungsangeboten teilgenommen). Trotz einer hohen Sozialleistungsquote von 30% (Frankreich 2002: 30,6%) gilt Dänemark als eines der unternehmerfreundlichsten Länder weltweit. Insofern dient das dänische Sozialmodell in der öffentlichen Debatte über die (notwendige) Reform des korporatistischen französischen Sozialstaates als ein Gegenmodell gegenüber der "ultraliberalen" angelsächsischen Variante.
    Vgl. vor allem A. Lefebvre / Dominique Méda (2006: 77-92) oder auch Gazier (2003:152-159). Eine kritische Position in Bezug auf eine Übertragbarkeit des dänischen Sozialmodells auf andere Länder findet sich bei Jean-Claude Barbier (2005).

G

  • gauche / droite - Links-Rechts-Aufteilung des politischen Spektrums. Diese semantische Aufgliederung des politischen Raumes geht ursprünglich auf die Sitzverteilung der französischen Nationalversammlung 1789 zurück, als links vom Parlamentspräsidenten aus gesehen die Progressiven saßen und rechts von ihm die konservativen und reaktionären politischen Kräfte. In der Mitte saßen die gemäßigt fortschrittlichen oder moderat konservativen Parlamentsfraktionen.
    Vgl. zum Begriff droite seit 1958 Michel Winock (2007: 29-30).
  • génération précaire - Generation Praktikum.
    Vgl. auch den gleichnamigen Internetauftritt und den Eintrag précariat.
  • gestion municipale des temps - städtische Arbeitszeitkoordination: Ein in Italien praktiziertes Modell, bei dem die Städte die Normalarbeitszeit der Privatunternehmen festsetzen können, um so besser die Betriebszeiten der öffentlichen Verkehrsmittel und die Öffnungszeiten von Krippen und Geschäften aufeinander abzustimmen.
    Vgl. Dominique Méda (2003).
  • grève du zèle - Dienst nach Vorschrift. Bei dieser Form des Arbeitskampfes werden die Dienstvorschriften genauestens eingehalten, damit die Produktivität gegen Null tendiert. Im Unterschied zum französischen Ausdruck, der unmissverständlich ein arbeitspolitisches Kampfmittel (grève) bezeichnet und den bewussten Übereifer der "Streikenden" herausstreicht, ist der deutsche Begriff doppeldeutig. Dienst nach Vorschrift verweist nämlich nicht nur auf eine übereifrige Pflichterfüllung, sondern auch auf Angestellte, die nur das vorgeschrieben Mindestmaß an Arbeit erbringen. In diesem Fall wäre der zutreffende französische Ausdruck (faire) le minimum syndical.

H


I

  • idéal-type - Der Idealtypus ist ein für die Erkenntnistheorie und Methodologie Max Webers zentraler Begriff. Als reines "Gedankenbild" ist der Idealtypus utopischer Natur, weil hier - wie es bei Max Weber heißt - ein oder einige Gesichtspunkte eines emprischen Gegenstandes "einseitig" gesteigert und zu einem Gesamtbild verdichtet werden, dem es an einer tatsächlichen historischen Grundlage fehlt.
  • idées, sociologie des - Vgl. connaissance, sociologie de la.
  • identification partisane - Parteibindung, Parteiidentifikation.
  • illibéralisme - Illiberalismus. Sammelbegriff zu allen historischen Varianten, die den Ideen des philosophischen Liberalismus entgegenstehen. Zu diesen Denkströmungen zählen beispielsweise Marxismus, Strukturalismus, Psychoanalyse, Positivismus oder auch Behaviorismus, die davon ausgehen, dass Verhalten, Denken, Bewusstsein der Individuen durch äußere bzw. tiefenpsychologische Faktoren bestimmt werden.
    Vgl. vor allem Raymond Boudon (2004).
  • impôt négatif - Negativsteuer. Der Begriff der Negativsteuer geht ursprünglich auf den französischen Wirtschaftswissenschaftler Antoine Augustin Cournot (1801-1877) zurück und fand in den 60er Jahren durch Milton Friedman oder auch James Tobin zuerst in Amerika und im Anschluss daran international Verbreitung. Dabei handelt es sich um eine Art Steuergutschrift, auf die alle Bürger eines Landes Anspruch haben. All jene, deren Steuerschuld unterhalb dieses Steuerguthabens liegt, erhalten demnach eine staatliche Transferleistung, die sich aus der jeweiligen Differenz zwischen diesen beiden Beträgen berechnet, während jene, die oberhalb dieses Niveaus liegen, Anrecht auf einen Steuernachlass in gleicher Höhe haben. Insofern ähnelt die Negativsteuer dem Konzept des allgemeinen Grundeinkommens oder Bürgergeldes.
    Vgl. allocation universelle.
  • indice de dissimilarité - Dissimilaritätsindex.
  • indice de ségrégation - Segregationsindex.
  • individualisme méthodologique - methodologischer Individualismus.
  • industries créatives - Dem Begriff der Kreativwirtschaft (engl. creative industries) wird ein breit gefasster Begriff des Kultursektors subsumiert, zu dem all jene beruflichen Aktivitäten zählen, die die Kreativität der hier tätigen Individuen in den Mittelpunkt stellen.
  • inéligibilité - Verlust des passiven Wahlrechts.
  • ingénieurie sociale - Sozialplanung.
  • intervention sociologique - Bei der "soziologischen Intervention" handelt es sich um eine von Alain Touraine und seinen Mitarbeitern in den 70er Jahren entwickelte soziologische Methode, bei der die Akteure der sozialen Bewegungen in den Stand gesetzt werden sollen, ihr eigenes Handeln sinnhaft zu erklären. Zum Beispiel wird eine kleine Gruppe von Mitgliedern der Studenten-, Arbeiter- oder Anti-Atom-Bewegung nach ihren Motivationen und Zielen befragt und mit ihren Gegenspielern konfrontiert. Daran anschlißend erarbeiten die Soziologen Hypothesen zur Bedeutung des gesellschaftlichen Kampfes der jeweiligen Bewegung, die nicht zwangsläufig mit der Selbstsicht der Akteure übereinstimmen und die sie den Befragten zur Diskussion stellen.
    Vgl. etwa Michel Wieviorka (2006: I, 19-33; 2006: II, 38-39) oder auch den Einführungsartikel zu Alain Touraine in Moebius/ Peter (2004: 155-158).

J

  • jeu à somme nulle - Nullsummenspiel. Spezifisches Handlungsmodell der Spieltheorie, bei dem die sozial Handelnden antagonistische Positionen vertreten und der Gewinn des einen den Verlust des anderen bedeutet, so dass die Summe aus den beiden Handlungsstrategien gleich Null ist.

K


L

  • ligne de pauvreté - Armutsschwelle, Armutsgrenze, Armutslinie: Trennlinie zur Bestimmung der Einkommensarmut innerhalb einer Gesellschaft. Gewöhnlich liegt diese Schwelle bei weniger als der Hälfte des durchschnittlichen Nettoeinkommens bzw. Haushaltsnettoeinkommens eines Landes.

M

  • marchés transitionnels du travail - Übergangsarbeitsmärkte: Bei den Übergangsarbeitsmärkten handelt es sich um ein Konzept, das ursprünglich auf den Berliner Wirtschafts- und Politikwissenschaftler Günther Schmid (vgl. etwa Schmid 2002) zurückgeht und das in Frankreich durch Bernard Gazier verbreitet wurde. Übergangsarbeitsmärkte sind flexible und sozial gesicherte Übergänge zwischen verschiedenen Formen produktiver Tätigkeit. Ausgangspunkt der Überlegungen zu diesem Konzept ist die zunehmende Auflösung des gesicherten "Normalarbeitsverhältnisses". Dadurch wird es notwendig, die Übergänge zwischen bezahlter Erwerbstätigkeit und Weiterbildungsphasen, Mutter- bzw. Vaterschaft, ehrenamtlichen Tätigkeiten, Haus- und Erziehungsarbeit usw. zu regeln und die Betroffenen sozial abzusichern.
    Vgl. auch das Einleitungskapitel von Gazier (2003) sowie die deutsche Übersetzung.
  • marchés de vainqueur accapareur - winner-take-all-Märkte. Dabei handelt es sich um Arbeitsmärkte vor allem in Sport und Kunst, aber auch im Fernsehen oder Verlag und anderen Beschäftigungsbereichen, bei denen selbst geringe Leistungsunterschiede zu gewaltigen Einkommensdifferenzen führen können. Das Konzept geht zurück auf die beiden amerikanischen Ökonomen Robert Frank und Philip Cook, The Winner-Take-All Society, New York, The Free Presse, 1995. In Frankreich wurde das Konzept u.a. von Pierre-Michel Menger in seinem Buch Portrait de l'artiste en travailleur. Métamorphoses du capitalisme, aufgegriffen.
  • ménage, chef de - Haushaltsvorstand (vgl. auch chef de famille).
  • mère de famille monoparentale - Allein erziehende Mutter.
  • minorité de blocage - Sperrminorität.
  • mixité sociale - Soziale Mischung.
    Vgl. das Interview mit den beiden Stadtsoziolgen Michel Pinçon und Monique Pinçon-Charlot.
  • mobilité intergénérationnelle - Generationenmobilität, intergenerationelle Mobilität.
  • moyennisation - Mit dem Ausdruck der moyennisation de la société française wird die Entwicklung hin zu einer nivellierten Mittelstandsgesellschaft beschrieben, wie sie in Deutschland etwa Helmut Schelsky beobachtete bzw. zu beobachten vermeinte. Dieser Prozess vollzieht sich im Zuge der anhaltend starken Wirtschaftsentwicklung der Trente glorieuses. Nach der Definition von Louis Chauvel (2006: 20) zeichnen sich die Mitglieder der Mittelschicht(en) durch ein durchschnittliches Einkommen, ein mittleres Qualifikationsniveau und - trotz aller faktischen Unterschiede - ein ausgeprägtes Zugehörigkeitsgefühl zur Mittelschicht aus. Chauvel (2006: 91) zufolge haben die französischen Mittelschichten zumindest subjektiv eine missionarische Aufgabe und eine gesellschaftliche Leit- und Vorbildfunktion (Chauvel (2006: 16) spricht von einer "universalistischen Mission der Sozialisierung der anderen Gesellschaftsklassen"), die in anderen Ländern nicht unbedingt mit dem Mittelstand verbunden werden.

N

  • neutralité axiologique - Werturteilsfreiheit.
  • niches fiscales - Steuerschlupflöcher.

O

  • objectivisme - In dem Maße, wie die Soziologie die Handlungen von Individuen in einem gegebenen institutionellen Rahmen betrachtet, lässt sich entweder ein objektivistischer oder ein subjektivistischer Standpunkt einnehmen, je nachdem, ob vor allem der Einfluss der Rahmenbedingungen auf das individuelle Verhalten oder - im Gegensatz dazu - die Motivation der Individuen ins Blickfeld treten. Diese Unterscheidung dient Berthelot (2005: 81ff) zur Klassifizierung soziologischer Forschungsrichtungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Kausalismus, Funktionalismus oder auch Strukturalismus wären demnach dem objektivistischen, phänomenologische Soziologie, symbolischer Interaktionismus und Ethnomethodologie dem subjektivistischen Forschungsprogramm zuzuordnen. Das Oppositionspaar holisme und individualisme sind mit der hier ausgeführten Unterscheidung weitgehend deckungsgleich.
  • offre raisonnable d'emploi - vgl. "emploi convenable".

P

  • pairs, groupe de - Peergroup: englische Bezeichnung für informelle Gruppen von etwa gleichaltrigen Kindern und Jugendlichen.
  • parti de gouvernement - Volkspartei.
  • passager clandestin - Trittbrettfahrer, Schwarzfahrer, Freifahrer (engl. free rider): Bezeichnung von Personen, die öffentliche Güter ausnutzen, ohne sich an ihren Kosten zu beteiligen.
  • paupérisme - Der Pauperismus bezeichnet das Phänomen massiver Armut im Zuge der Industrialisierung.
    Vgl. auch die Übersetzung von Tocquevilles Pauperismusstudie.
  • pauvreté - Der Begriff Armut weist einige Unschärfen auf, insofern das Phänomen eine objektive (vgl. seuil de pauvreté) und eine subjektive Dimension enthält und von kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Faktoren abhängt.
    Vgl. hierzu vor allem die Klassifikation in Paugam (2005).
  • pauvreté monétaire - Einkommensarmut.
    Vgl. seuil de pauvreté.
  • per-différenciation - Französische Übersetzung der Luhmannschen Ausdifferenzierung des sozialen Systems in zum Teil autonome und autoreferentielle Funktionssysteme.
  • périurbanisation - Suburbanisierung, d.h. die wachsende Bedeutung von Satelittenstädten im Verhältnis zum zentralen Stadtkern.
  • permis de polluer - Verschmutzungsrechte.
  • peur du crime - Unter Kriminalitätsfurcht versteht man die Angst der Menschen, Opfer eines Verbrechens zu werden. Dabei ist vor allem auch zu beachten, dass diese Ängste einer subjektiven Sicherheitswahrnehmung entsprechen. Bekanntlich ist die Kriminalitätsfurcht besonders stark bei äteren Personen ausgeprägt, die jedoch seltener zu den Verbrechensopfern zählen als etwa Jugendliche.
  • philosophies du soupçon - In Frankreich geläufige Sammelbezeichnung für philosophische Denkansätze, die hinter den sozialen Institutionen im weiteren Sinne und den kollektiven Vorstellungen Machtinstrumente der herrschende Klasse sehen bzw. in psychologischer Hinsicht zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein unterscheiden. Zu den maîtres du soupçon zählen vor allem Marx, Nietzsche und Freud.
    Vgl. auch illibéralisme, die Rezension zu Raymond Boudon (2004) sowie Luc Boltanski.
  • placement des demandeurs d'emploi - Vermittlung Arbeitsuchender.
  • plurisocialisation - Unter dem Begriff "Plurisozialisierung" versteht der Lyoner Kultursoziologe Bernard Lahire die Existenz verschiedener, teilweise miteinander konkurrierender Sozialisierungsmilieus bzw. Sozialisationseffekte (frz. cadres socialisateurs - d.h. etwa Familie, Schule, Freundeskreis, Medien usw.), mit denen sich die Unterschiede im Sozialverhalten sowie vor allem die intraindividuellen kulturellen Dissonanzen erklären lassen.
    Vgl. hierzu detaillierter die Rezension zu Lahire (2004) und die deutsche Übersetzung des Schlusskapitels.
  • point d'équilibre - Gewinnschwelle, Nutzschwelle (engl. break even point). Der Begriff bezeichnet die Umsatzgröße, bei der die fixen und proportionalen Kosten eines Produkts oder Unternehmens gedeckt werden.
  • précariat - Prekariat.
    Vgl. Artikel und den Beitrag von Stéphane Le Lay.
  • prime de rendement - Leistungsprämie.
  • prix d'équilibre - Der Gleichgewichtspreis ist der mittlere Preis, der sich auf einem Konkurrenzmarkt daraus ergibt, dass die angebotene Menge eines Produkts mit der nachgefragten Menge übereinstimmt.
  • propriété du logement - Wohneigentum.
  • protections rapprochées - Ein von Robert Castel (1995; 2003) geprägter Begriff zur Bezeichnung sozialer Sicherungsformen vor der Erfindung des Sozialstaates, die auf unmittelbaren familiären und nachbarschaftlichen Netzwerken und Abhängigkeitsbeziehungen beruhen. Im alltäglichen französischen Sprachgebrauch bezeichnet protection rapprochée einen polizeilichen Personenschutz. Die deutsche Übersetzung von Castel (1995) spricht von "unmittelbarer Sicherung".
    Vgl. detaillierter Castel (1995: 47-108; dt. 2000: 31-63).

Q

  • quotient familial - Familiensplitting. Der Begriff des quotient familial bezeichnet ein System der Besteuerung von Ehegatten und Familien, bei dem die Kinder durch eine spezifische Gewichtung zur Berechnung der Einkommensteuerschuld berücksichtigt werden.

R

  • rationalisation diffuse - Durchrationalisierung.
  • rationalité critique - kritischer Rationalismus
  • reclassement des demandeurs d'emploi - Vermittlung Arbeitsuchender.
    Vgl. placement.
  • rectitude politique - Ein vor allem in Kanada gebräuchlicher Begriff zur Übersetzung des englischen political correctness. Diese "politische Korrektheit" wird in Frankreich üblicherweise als le politiquement correct wiedergegeben.
  • relais d'opinion - Meinungsbildner, Meinungsmultiplikatoren.
  • responsabilité, éthique de la - Verantwortungsethik.
  • ressources, contrôle des - Bedürftigkeitsprüfung. Ein im ausgebauten Sozialstaat üblicher Vorgang, mit dem die zuständigen Behörden vor der Bewilligung sozialer Hilfsleistungen die Bedürftigkeit des jeweiligen Bewerbers überprüfen.
  • rêve de l'accession à la propriété - Traum vom Eigenheim.
  • revenu après redistributions sociales - Einkommen nach öffentlichen Transferzahlungen.
  • revenus de remplacement - Entgeldersatzleistungen.
  • revenu (corrigé) par unité de consommation - Aus Gründen der besseren Vergleichbarkeit zwischen dem Einkommen unterschiedlich großer Haushalte ist das so genannte Äquivalenzeinkommen (oder äquivalenzgewichtete Einkommen) eine Maßeinheit, die das Einkommen nach Zahl und Alter der Haushaltsmitglieder (unités de consommation) gewichtet. Der Haupteinkommensbezieher entspricht einem Erwachsenen (Gewichtungsfaktor 1), sein Ehepartner und Kinder ab 14 Jahren werden mit 0,5, Kinder unter 14 mit 0,3 gewichtet. Diese Gewichtungsfaktoren verwendet das Statistische Bundesamt ebenso wie INSEE, d.h. das entsprechende französische Statistikamt. Das Äquivalenzeinkommen wird berechnet, indem man das Einkommen durch die Summe der gewichteten Haushaltsmitglieder teilt. Beispiel bei einer vierköpfigen Familie mit einer 15-jährigen Tochter und einem 9-jährigen Sohn: Einkommen durch 2,3 (Summe aus 1 + 0,5 + 0,5 + 0,3).

S

  • salaire d'efficience - Effizienzlohn.
  • salaire familiale - Das Erziehungsgehalt ist ein Vorschlag vor allem deutscher Sozialwissenschaftler zur Entlohung von Erziehungs- und Familienarbeit.
    Vgl. etwa Michael Opielka (2002)
  • ségrégation - Segregation.
  • sens commun - Bei dem gesunden Menschenverstand handelt es sich um eine wissenschaftlich nicht leicht zu fassende Denkkategorie. Weiten Teilen soziologischer Forschung erscheint das Konzept des sensus communis per se suspekt. Bisweilen (vgl. etwa Boudon 2004) wird der gesunde Menschenverstand zu argumentatorischen Zwecken mobilisiert, um etwa die rationale Alltagspsychologie des methodologischen Individualismus gegenüber soziologischen Ansätzen aufzuwerten, die individuelles Handeln (durch Kultur, soziales Milieu etc.) als fremdbestimmt annehmen. Gleichzeitig ist aber auch zu bemerken, dass eine solche kulturelle oder milieubedingte Fremdbestimmung ebenfalls zu den Gemeinplätzen des gesunden Menschenverstandes gehören.
  • services à la personne - Personendienstleistungen, personenbezogene Dienstleistungen.
  • services d'action sociale - Sozialbehörde, Sozialamt.
  • seuil de pauvreté - vgl. ligne de pauvreté.
  • société cognitive - vgl. société de la connaissance.
  • société de la connaissance - Wissensgesellschaft.
  • société méritocratique - In einer "Leistungsgesellschaft" zählt allein das individuelle Verdienst, d.h. das Leistungsprinzip, der individuelle Beitrag zum gesamtgesellschaftlichen Wohl. Der Begriff ist eng mit dem Konzept der sozialen Mobilität verbunden.
  • sociologie caméraliste - Bezeichnung einer kameralistischen Soziologie, einer soziologisch begleitenden Politikberatung, die Raymond Boudon (2003: 126-145) idealtypisch von anderen Zielsetzungen der Soziologie abgrenzt. Dazu gehören die expressive, kritische und kognitive Soziologie (sociologie expressive, sociologie critique, sociologie cognitive). Während die expressive Soziologie (Beispiel: Le Bon) darauf auf ist, Emotionen zu wecken, verfolgt die Soziologie in ihrer kritischen Variante gesellschaftsverändernde Zielsetzungen (Beispiel: Saint-Simon, Proudhon). Die kameralistische (Beispiel: Le Play), expressive und kritische Soziologie haben sich Boudon zufolge in den letzten Jahrzehnten auf Kosten der kognitiven, d.h. wissenschaftlichen Soziologie (Tocqueville, Durkheim, Weber) entwickelt, weil sie einer direkten und konkreten Nachfrage nachkommen.
  • sociologie compréhensive - Verstehende Soziologie.
  • sociologie critique - Der Begriff der kritischen Soziologie verweist zumindest auf zwei voneinander zu unterscheidende Grundpositionen. Während eine mit der "kritischen Theorie" der Frankfurter Schule vergleichbare Forschungsrichtung sich gesellschaftliche Veränderungen auf die Fahne geschrieben hat, versteht eine zweite Variante der kritischen Soziologie darunter die systematische Prüfung soziologischer Befunde auf ihre methodische Verlässlichkeit und Verbesserbarkeit hin.
    Vgl. etwa Boudon (2003: 123-125).
  • soutenabilité - Sich verbreitender Anglizismus für durabilité, d.h. Nachhaltigkeit.
  • sphère d'activité - Vor allem unter Bezugnahme auf Max Weber allgemeine Bezeichnung für die Ausbildung und Abgrenzung "eigengesetzlicher Sphären".
  • subjectivisme - Subjektivismus.
    Vgl. objectivisme
  • sujet connaissant - Erkenntnissubjekt.
  • surinterprétation - Überinterpretation.
    Vgl. Artikel

T

  • taux (global) d'activité - Die Erwerbsquote bezeichnet im Unterschied zu der Beschäftigungsquote (taux d'emploi) den Anteil aller Erwerbstätigen (d.h. auch der Arbeitslosen) entweder an der erwerbsfähigen oder aber an der Gesamtbevölkerung.
  • taux de dépenses sociales - Sozialleistungsquote.
  • taux d'élucidation - Aufklärungsquote.
  • taux d'emploi - Die Beschäftigungsquote bezeichnet den Anteil der Arbeitsplatzinhaber an der erwerbsfähigen Bevölkerung.
  • taux marginal d'imposition - Grenzsteuersatz.
  • taux de mobilisation - Vgl. taux de participation.
  • taux de nuptialité - Verheiratetenquote.
  • taux de participation - In Frankreich wird die Wahlbeteiligung durch das Verhältnis der Wähler zu den in Wahllisten eingetragenen Wahlberechtigten bestimmt. Da aber nicht alle Wahlberechtigten, d.h. französische Bürger im Wahlalter, in den Wahllisten eingetragen sind, ist die Wahlenthaltung faktisch landsweit um etwa 10% höher. Die Quote der Wähler im Verhältnis zu der Gesamtheit der (eingetragenen bzw. nicht eingetragenen) Wahlberechtigten wird gewöhnlich als taux de mobilisation bezeichnet.
    Vgl. Braconnier / Dormagen (2007).
  • taux de syndicalisation - gewerkschaftlicher Organisationsgrad.
  • témoin, groupe - Kontrollgruppe.
    Vgl. contrôle, groupe de.
  • théorie de la taxation optimal - Optimalsteuertheorie.
  • ticket gratuit - Trittbrettfahrer, Schwarzfahrer.
    Vgl. passager clandestin.
  • trajectoire de déclassement - Abstiegskarriere, sozialer Abstieg, Deklassierung.
    Vgl. den Artikel zur Generationenproblematik von Louis Chauvel.
  • transition démographique - Der Begriff des demographischen Wandels bezeichnet den Übergang z.B. von einer hohen zu einer niedrigen Fertilitätsquote. Trotz einer wachsenden Weltbevölkerung befinden sich offensichtlich die meisten Länder in einer solchen Übergangsphase. Vgl. etwa Cohen (2004: 129-139) oder Cohen (2006: 55-59).
  • trappe du chômage - Die Arbeitslosigkeitsfalle bezeichnet einen unintendierten Effekt bestehender Sozialleistungen, die Zuverdienste mit einem impliziten Grenzsteuersatz von 100 Prozent belegen (d.h., die Sozialleistung wird um das entsprechende Erwerbseinkommen gekürzt). Dadurch entstehen Negativanreize, die die schrittweise Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt (über geringfügige Beschäftigungsverhältnisse) erschweren. Die Metapher der Falle ist im übrigen zur soziologischen Konzeptbildung in Frankreich genauso gängig wie in Deutschland (vgl. "Armutsfalle" oder auch "Sozialstaatsfalle"). In Frankreich spricht man etwa von einer trappe de l'exclusion, einer trappe de pauvreté oder auch von einer trappe du foyer, die dazu führt, dass Frauen beispielsweise im Falle eines "Erziehungsgeldes" dauerhaft vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen bleiben.
  • Trente glorieuses, les - Ein von Jean Fourastié (1979) geprägter Begriff zur Bezeichnung der "dreißig glorreichen Jahre" mit hohem Wirtschaftswachstum und Vollbeschäftigung in den drei Nachkriegsjahrzehnten. Lexikalisierte Entsprechung des deutschen Wirtschaftswunders. In ironischer Anspielung auf diese glorreiche Phase der Nachkriegsentwicklung mit jährlichen Nettolohnzuwachsraten bis 1975 von durchschnittlich 3,5% spricht der französische Wirtschaftswissenschaftler Nicolas Bavarez in Bezug auf die daran anschließende Periode von dem Jammertal der Trente piteuses, d.h. den "dreißig kläglichen Jahren" mit kümmerlichen Nettolohnzuwachsraten von nicht einmal 0,5% (vgl. Chauvel 2006: 48-51).
  • Trente piteuses, les - Vgl. Trente glorieuses.
  • triangulation des méthodes - Bei der so genannten Triangulation handelt es sich um eine Methodenkombination, d.h. den Einsatz unterschiedlicher Methoden zur Prüfung einer Hypothese.
  • type idéal - Idealtypus.
    Vgl. idéal-type.

U

  • unité de consommation - Haushaltsmitglied.
    Vgl. revenu (corrigé) par unité de consommation.
  • unité urbaine - Unter dem Begriff unité urbaine versteht das Statistikamt INSEE "eine oder mehrere Gemeinden, die ein bebautes Gebiet mit mindestens 2.000 Einwohnern umfassen. Die einzelnen Wohngebäude sind nicht mehr als 200 Meter voneinander getrennt, und mehr als die Hälfte der Wohnbevölkerung jeder einzelnen betroffenen Gemeinde lebt auf diesem bebauten Gebiet." Ein ähnlicher Sachverhalt wird oft durch den gemeinsprachlicheren Begriff der Agglomeration bzw. des Ballungsraums zum Ausdruck gebracht.
    Vgl. die französische Definition auf der Internetseite von INSEE.

V

  • vieillesse impécunieuse - Altersarmut.
  • voile de l'ignorance - Schleier des Nichtwissens, Schleier der Unwissenheit.

W


X


Y


Z

  • ZEP (zone d'éducation prioritaire) - Bei den ZEP handelt es sich um eine finanzielle Förderung schulischer Einrichtungen (zusätzliches Lehrpersonal, kleinere Klassen usw.) in so genannten sozialen Brennpunktvierteln.
    Vgl. Weitergehende Informationen: Französisches Bildungsministerium
    Vgl. zu einer kurzen kritischen Bestandsaufnahme: Maurin (2004: 61-69) oder Meuret (1994).
  • zones franches - Bei den zones franches handelt es sich um Sonderwirtschaftsgebiete mit zeitlich befristeten steuerlichen Ausnahmeregelungen. Ziel ist es, die Versorgungsstrukturen in benachteiligten Wohngebieten zu stärken.
    Vgl. zu einer kritischen Bestandsaufnahme: Maurin (2004: 61-69).
www.weave.ch: Flavia Vattolo / Carol Brandalise