MAURIN, ÉRIC (2004)

Le ghetto français

Paris, Seuil / République des Idées: 5-9

Einleitung

bilder/maurin_2004.gifIn den letzten Jahren sind die neuen Ungleichheiten besonders nachdrücklich im sozialen Raum zutage getreten. Dort haben sie in Gestalt der Quartiere und "sozialen Brennpunkte" einerseits einen konkreten sprachlichen Ausdruck gefunden, in dem sich in aller Deutlichkeit konkretisiert, was statistischen Beschreibungen bisweilen nur mühsam wiederzugeben gelingt, andererseits auch einen vollständigeren Ausdruck, artikuliert und konzentriert die urbane Segregation doch nahezu alle Formen von Ungleichheiten (in Bezug auf Einkommen, Bildung, Lebenschancen usw.).

Allerdings ist das, was so offensichtlich erscheint, oft trügerisch. Im sozialen Raum lassen sich bestimmte Formen der Segregation auf den ersten Blick erkennen, während andere versteckt wirken. Die "Problemviertel" springen ins Auge, nicht jedoch die Flucht- bzw. Vermeidungsstrategien, die zu entfernteren Wohnstandorten führen. Die Demarkationslinien der Elendsquartiere sind um einiges spektakulärer als die listigen Manöver, mit denen man sie vermeidet. Während Armut unmittelbar ins Auge sticht, umgeben sich die Strategien, um unter seinesgleichen zu bleiben, oder die Abstiegsängste, die die eigentlichen Antriebskräfte der Segregation sind, mit einem unsichtbaren Schleier.

Diesen trügerischen Gewissheiten erliegt die Stadtpolitik seit fast zwanzig Jahren. Vom äußeren Anschein geblendet, folgt sie einer Überzeugung, die umso weiter verbreitet ist, als sie sich auf eine überaus geläufige Intuition stützen kann: Das eigentliche Problem der französischen Gesellschaft sei demnach, die Schwierigkeiten von einigen hundert sorgsam definierten Wohnstandorten zu beseitigen, in denen sich das Gros der sozial Ausgegrenzten konzentriert. Die "soziale Bruchlinie" verläuft dieser Überzeugung nach zwischen einer Minderheit von Extremsituationen und der übrigen Gesellschaft, zwischen einer Randgruppe von Außenseitern und einer formlosen Masse von Etablierten. Kurz: Das Problem lässt sich auf das "offensichtlich Skandalöse" der am stärksten benachteiligten Wohngebiete reduzieren.

Eine solche Vorstellung unterschätzt jedoch die ganze Tragweite des Problems. Sie tut so, als bestehe die Schwierigkeit im Grunde in wenigen sozial isolierten Wohnstandorten, als wären in einem sozialräumlichen Segregationsschub plötzlich fünf- bis sechshundert heruntergekommene Enklaven in einem sonst relativ homogenen und kontinuierlichen Raum entstanden.

In Wahrheit reicht das Problem viel weiter zurück und ist viel allgemeiner gelagert. In der Tat zeigen die Indikatoren sozialräumlicher Segregation, dass sich die Situation in den letzten fünfzehn bis zwanzig Jahren kaum verändert hat. Darüber hinaus reichen diese Segregationsprozesse weit über das Sonderproblem der Armenghettos hinaus, das im Übrigen bisher noch keine Politik hat beseitigen können. Die französische Dramaturgie städtischer Segregation entspricht keinem plötzlichen und lokal begrenzten Brandherd, sondern ist eine allgemeine, dauerhafte und klammheimliche Abschottung sozialer Räume und Lebenschancen. Das Bild territorialer Ungleichheiten zeigt eine ungewöhnlich stark segregierte Gesellschaft, in der sich die Schranken zwischen den Nachbarschaften erhöht haben und in der sich die Versuchung, sich von anderen sozialen Gruppen abzugrenzen, als Strukturprinzip des gesellschaftlichen Zusammenlebens durchgesetzt hat.

Im Grunde ist das "französische Ghetto" nicht so sehr ein Ort, auf dem Außenseiter und Etablierte einander gegenüber stehen, als ein Schauplatz, auf dem jede einzelne Gruppe versucht, den Kontakt mit der - gemessen an der Skala sozialer Schwierigkeiten - unmittelbar unterhalb angesiedelten Gruppe zu vermeiden und ihr aus dem Weg zu gehen. Bei diesem Spiel vermeiden nicht nur die Arbeiter den Kontakt mit den Migrantenarbeitern. Die wohlhabenderen Angestellten fliehen vor der gehobenen Mittelschicht, die gehobene Mittelschicht wiederum schottet sich von der unteren Mittelschicht ab, während die untere Mittelschicht sich auf keinen Fall mit den einfachen Angestellten vermischen will, usw. Kurz: In jedem von uns schlummert ein mehr oder weniger aktiver Komplize des Segregationsprozesses.

Natürlich verdienen die sozialen Brennpunkte auch in Zukunft unsere Aufmerksamkeit. Dennoch sind sie lediglich das augenfälligste Ergebnis städtischer Segregation. Das treibende Prinzip der territorialen Spaltungsprozesse findet sich anderswo, verborgen in den Nischen einer viel allgemeineren Erfahrung, für die es jedoch bis heute an einem politischen Ausdruck mangelt: Es geht darum, mit allen Mitteln die Ungewissheit der Kontakte und die Vielfalt der Nachbarschaften zu reduzieren, durch die sich ein bestimmtes Ideal städtischer Sozialbeziehungen definierte. Dieselben Motive, aus denen man aus den "Armenghettos" wegzieht, liegen den Abspaltungsprozessen der "Reichenghettos" am gegenüber liegenden Ende der Kette zugrunde. Dabei nähren sie eine Dynamik der Abschottung, die die ganze Gesellschaft erfasst. Im Übrigen ist das am stärksten ausgeprägte Phänomen nicht so sehr eine "Ghettoisierung von unten" als eine "Ghettoisierung von oben".

In einem Land, in dem im öffentlichen Sprachgebrauch immer wieder das Thema der republikanischen Gleichheit bzw. die Ablehnung des "amerikanischen Modells" beschworen wird, das man spontan mit den kommunitaristischen Ghettos gleichsetzt, erscheint das Faktum sozialräumlicher Segregation und deren tatsächliches Ausmaß als ein verdrängtes soziales Übel, das diesen Sprachgebrauch Lügen straft.

In Anbetracht dieser Befunde sollte die diesbezügliche Sozialpolitik grundlegend überdacht werden. Es mag sein, dass die Stadt- und Wohnungspolitik, mit der seit zwanzig Jahren die gesellschaftliche Mischung durch sozialen Wohnungsbau bzw. individuelle Mietbeihilfen vorangetrieben werden sollte, einzelne Symptome abgemildert hat. Nie jedoch wurden die eigentlichen Ursachen der Segregation angegangen. Auch die Politik zur Förderung der am stärksten benachteiligten Wohngegenden - wie etwa die stärkere Mittelzuweisung für Schulen in den so genannten ZEP oder die Einrichtung von Vierteln mit steuerlichen Vergünstigungen für privatwirtschaftliche Unternehmen - haben sich als überaus enttäuschend erwiesen.

Dass diese Anstrengungen im Grunde ergebnislos geblieben sind, hat damit zu tun, dass sie sich im Wesentlichen nur mit den sichtbaren Konsequenzen der Segregation befassen. Sozialräumliche Abspaltungsbewegungen lassen sich jedoch kaum entschärfen, ohne sich mit dem ihnen zugrunde liegenden Hauptfaktor auseinanderzusetzen, mit der gesellschaftlichen Angst nämlich, man könne frühzeitig und unumkehrbar Mechanismen erliegen, die den künftigen Lebensweg im Grunde festschreiben. Dadurch, dass die Gegenwart sozialräumlich abgeschottet wird, verschließt und sichert man auch die Zukunft. Wenn im und um den sozialen Raum ein derart unerbittlicher Wettbewerb tobt, so deshalb, weil der Wohnort und die dadurch bedingten Interaktionen zu den wesentlichen Ressourcen einer allgegenwärtigen Konkurrenz um die besten Lebenschancen zählen, die bereits in der Kindheit einsetzt.

Für ein besseres Verständnis sozialräumlicher Segregation ist es notwendig, diese Ressourcen genauer in den Blick zu nehmen. Dies soll in dem folgenden Essay geschehen, in dem im Anschluss daran einige Gedanken entwickelt werden, denen man meines Erachtens nachgehen sollte, um eine gerechtere und effizientere Politik zu begründen.

Vor allem stützt sich vorliegende Reflexion jedoch auf eine Bestandsaufnahme der Segregation heute. Das Bild, das auf den folgenden Seiten gezeichnet wird, erfordert eine methodologische Präzision. Es beruht auf einer Analyse der Datensätze der von INSEE jährlich durchgeführten Befragung "Emploi", die einen ausgezeichneten Überblick über die räumliche Segregation und ihre zeitliche Entwicklung bietet. Diese Untersuchung setzt sich aus einer repräsentativen Auswahl kleiner Nachbarschaften von 30 bis 40 beieinander liegenden Wohnungen zusammen. Dabei ist diese Methode nicht auf ein Interesse des statistischen Amtes für Segregationsphänomene zurückzuführen. Vielmehr geht es schlicht um eine Senkung der Reisekosten seiner Mitarbeiter. In jeder einzelnen Nachbarschaft wurden alle 15-jährigen und älteren Bewohner befragt, so dass die Umfrage lückenlos ist. Damit gibt sie nicht nur detailliert Auskunft über jeden einzelnen Befragten, sondern - unbeabsichtigt - auch über die Gesamtheit der Bewohner einer unmittelbaren Nachbarschaft. Es handelt sich dabei um eine überaus ergiebige Informationsquelle, wenn man die sozialräumlichen Segregationsformen analysieren und die Effekte der sozialen Zusammensetzung der Nachbarschaften auf die Lebenschancen ihrer Bewohner untersuchen will. Um das Ausmaß sozialräumlicher Segregation in Frankreich zu messen, habe ich einfach berechnet, wie sich jede einzelne Sozialkategorie auf die 4.000 Nachbarschaften der INSEE-Befragung verteilt. Im Anschluss daran haben ich sie mit der theoretischen Situation eines "perfekten Mischverhältnisses" verglichen, d.h. mit einer statistischen Zufallsverteilung jeder einzelnen Kategorie über das gesamte Wohngebiet. Die von dieser theoretischen Norm abweichenden Werte sind dann denkbar einfache Segregationsindikatoren. Soweit ich weiß, wurde auf diese Methode bisher noch nie zurückgegriffen, um vor allem die zeitlichen Veränderungen der verschiedenen Segregationsformen zu bewerten. Die hier dargestellten Ergebnisse sind demnach größtenteils neu.

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