TOCQUEVILLE, ALEXIS DE (1999)
Über den Pauperismus
Erste Gedenkschrift - Teil 1
Über das allmähliche Fortschreiten der Massenarmut in den modernen Staaten und über die Mittel, diese zu bekämpfen
Wenn man die verschiedenen Gegenden Europas bereist, dann fällt einem ein überaus ungewöhnliches und scheinbar unerklärliches Phänomen auf.
Gerade die dem Anschein nach ärmsten Länder sind in Wahrheit diejenigen, welche die wenigsten Armen aufweisen. Bei den Völkern hingegen, die wegen ihrer Reichtümer bewundert werden, ist ein Teil der Bevölkerung zum Überleben auf die Unterstützung Dritter angewiesen.
Bei der Fahrt übers englische Land könnte man sich geradezu in den Garten Eden der modernen Zivilisation versetzt fühlen. Prächtig instand gehaltene Straßen, fette Herden, wie sie über saftige Weiden ziehen, kerngesunde und kräftige Landwirte, Reichtümer, wie sie glanzvoller in keinem anderen Land der Erde anzutreffen sind; noch der einfache Wohlstand ist geschmackvoller und gesuchter als anderswo; alles wirkt gepflegt, behaglich, ruhevoll; es herrscht eine Atmosphäre allgemeinen Wohlstandes, den man noch in der Luft selbst zu atmen vermeint und der einem das Herz bei jedem Schritt höher schlagen läßt: So erscheint England dem Reisenden auf den ersten Blicken.
Stößt man sodann aber in das Landesinnere der Gemeinden vor und nimmt die Gemeinderegister in Augenschein, dann entdeckt man mit großem Erstaunen, daß ein Sechstel der Einwohner dieses blühenden Königreiches auf Kosten staatlicher Fürsorge lebt.
Verlegt man die Szenerie dieser Beobachtungen nach Spanien, vor allem aber auch nach Portugal, so bietet sich den Blicken ein ganz anderes Schauspiel dar. Man stößt dort auf Schritt und Tritt auf eine unterernährte, unzureichend bekleidete, ungebildete und grobschlächtige Bevölkerung, die inmitten von unbebauten Landschaften und in ärmlichen Behausungen ihr Leben fristet. Die Zahl der Notleidenden ist in Portugal allerdings gering. De Villeneuves Schätzungen zufolge kommt in diesem Land ein Armer auf fünfundzwanzig Einwohner. Der berühmte Geograph Balbi hatte das Verhältnis zuvor auf einen Mittellosen gegenüber neunundneunzig Einwohnern beziffert.
Anstatt Länder, die nichts miteinander gemein haben, miteinander zu vergleichen, lassen sich aber auch die verschiedenen Teile eines einzigen Reiches einander gegenüberstellen, und dabei kommt man zu einem ganz ähnlichen Ergebnis: Man stellt fest, daß auf der einen Seite die Zahl derer, die in Wohlstand leben, und auf der anderen Seite die Zahl derjenigen, welche zum Überleben auf öffentliche Unterstützung angewiesen sind, proportional zueinander steigen.
Der Durchschnittswert der Bedürftigen in Frankreich beläuft sich den Berechnungen eines ausgesprochen gewissenhaften Autors (de Villeneuve) zufolge - dessen Theorien ich sonst aber keineswegs immer zustimme - bei fünfundzwanzig Einwohnern auf einen Armen. Dabei lassen sich allerdings zwischen den verschiedenen Gebieten des Königreiches immense Unterschiede feststellen. Im Departement Nord, das nun ganz gewiß das reichste, das bevölkerungsstärkste und in allen Belangen fortgeschrittenste Departement darstellt, sind für etwa ein Sechstel der Bevölkerung Fürsorgemaßnahmen erforderlich. In dem Departement Creuse, dem ärmsten und am wenigsten industrialisierten all unserer Departements, stößt man unter achtundfünfzig Einwohnern auf nur einen Armen.
Ich denke, es ist durchaus möglich, eine logische Erklärung für dieses Phänomen aufzuzeigen. Die Erscheinungen, auf die ich soeben zu sprechen gekommen bin, sind eine Folge mehrerer Ursachen, deren erschöpfende Behandlung zuviel Zeit in Anspruch nehmen würde, die sich aber wenigstens skizzieren lassen.
Zum besseren Verständnis meines Gedankens, ist es, glaube ich, erforderlich, für einen Augenblick bis zum Ursprung der menschlichen Gesellschaften zurückzukehren. Sodann will ich zügig den Fortgang der Menschheit bis in unsere Tage abschreiten.
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